Bist du urban oder doch normal geblieben?

„Jung, gutverdienend, international und urban“ soll das Publikum sein, dass der nun „ORF eins“ genannte Sender laut einem Artikel der Kleinen Zeitung ab 8. Januar kommenden Jahres ansprechen will. Doch mit diesem fragwürdig-lächerlichen Wunsch steht der ORF nicht alleine da. Sieht man sich Werbung für Getränke, Kleidung, Autos oder auch Sportgeräte an, könnte man den Eindruck bekommen, dass sämtliche Konsumenten nur noch „jung, gutverdienend, international und urban“ sind.

Doch bleibt es seitens der Industrie und neuerdings auch unseres öffentlich-rechtlichen Fernsehens bloß bei einem frommen Wunsch, auch wenn ein neuer Art-Director mit ganz toller Marketing-Ausbildung das anders sieht. Eine Konzentration auf die Zielgruppe „junge Erwachsener aus gutem Hause“ würde der Industrie und dem Handel mehr schaden als nutzen, wäre da nicht die erfolgreiche Mittelschicht über 50, die solche Dinge dann kauft, um damit oder darin den zweiten Frühling zu erleben.

So mancher Autohersteller (Name dem Autor bekannt) zum Beispiel hat sich auf die Fahnen geschrieben, Fahrzeuge besonders für junge Leute bis 35 herzustellen, die „trendy, stylisch und urban sind“. Wer sitzt in diesen überteuerten Kleinwagen und kleinen Sport-Cabriolets? Genau, meist gut situierte Fahrer mit grau meliertem Haupthaar, wenn vorhanden.

Ein anderer Hersteller, früher bekannt für grundsolide und haltbare Autos, bewirbt seine Kompaktklassewagen mit „urban-proof“. Erstens sollte man sich schämen, wenn ein modernes Auto nicht für Stadtverkehr gemacht wäre und zweitens wird leider immer öfters der Anschein erweckt, als gäbe es nur noch junge, erfolgreiche Leute, die in Städten wohnen, Trendsportarten nachgehen und permanent mit ihren Handys im Internet surfen, während sie auf Facebook und Co. ihr Leben in die Öffentlichkeit zerren. Diese Bevölkerungsgruppe mag es geben, ja. Aber es ist eine Minderheit im Meer der „normalen“ Menschen wie du und ich.

Baut eigentlich noch jemand Elektrogeräte, Autos, Mobiltelefone usw. für Menschen, die in ländlichen Regionen leben, körperlich arbeiten und denen Begriffe wie „stylisch, trendy, urban usw.“ am Allerwertesten vorbeigehen? Wo sind die einfach zu bedienenden Radios und Fernseher für unsere Großmütter, die praktischen Allradkombis ohne vermeintlichen „Premiumanspruch“ für Bauern und Landärzte? Es können sich die hochgejubelten Managementgurus und Möchtegern-Marketingexperten doch nicht so geirrt haben… Oder doch?!?

Wierus

Über Lukas

Mit Herz und Hirn - immer hinterm Lenkrad und am Puls der Straße.
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3 Antworten zu Bist du urban oder doch normal geblieben?

  1. Bert schreibt:

    Meine Rede!

  2. (mad) schreibt:

    du sprichst ein grundproblem unserer öffentlich-rechtlichen sendeanstalt an: viel mehr noch, als man sich dort überlegt, WAS man produzieren könnte, ist FÜR WEN. und am ende kommt seit zehn jahren doch nur eine leicht abgeänderte variante von Starmania raus.

    damit zusammen hängt: bei der ganzen konzentration auf „jung und hip“ ist es kein wunder, dass die durchschnittliche zielperson, der damit der bauch gekrault wird, die anhaltende generationenvertragsdebatte blutig ernst nimmt und oft tatsächlich glaubt, „die alten“ (= pensionisten) nehmen „uns“ die zukunft weg. dass es eine pensionsVERSICHERUNG (arbeitslosenVERSICHERUNG, sozialVERSICHERUNG…) gibt, ist immer weniger jungen bewusst. und dass es am umlagesystem krankt, wird verdrängt.

    das widerum – und damit schließt sich endlich der kreis – ist ein teil meiner kritik am nicht erfüllten bildungsauftrag des orf 😉

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