Floridsdorf, die Bronx Wiens? Transdanubien, Teil 1

Wenn man Wienern gegenüber erwähnt, dass man „im Einundzwanzigsten“ wohnt, erntet man in der Regel äußert gemischte Reaktionen. Von „Ui, ein zweifelhaftes Vergnüngen“ bis hin zu „na wenigstens sind die Verkehrsanbindungen gut“ ist alles dabei. Das lässt nicht unbedingt auf einen guten Ruf des zweitgrößten Wiener Gemeindebezirks schließen, in dem 140.000 Menschen wohnen. Doch was ist dran am schlechten Image Floridsdorfs? Bei meinen Recherchen für diese Reihe habe ich versucht, mir selbst ein Urteil zu bilden.

Startpunkt meiner Reise durch Transdanubien ist der Spitz, benannt nach dem Kreuzungspunkt der beiden wichtigsten Straßen in und durch Floridsdorf, die Prager und die Brünner Strasse. Steht man vor dem imposanten Amtsgebäude aus dem Jahr 1901 mit der Adresse „Am Spitz 1“, wird einem die historische Bedeutung der Weggabelung bewusst.

Doch in Zeiten der Donauufer-Autobahn A22 hat die einstige Hauptstrasse nach Böhmen, die Pragerstrasse, an Bedeutung verloren, der Großteil des Verkehrs wälzt sich durch die Brünnerstraße. Lässt man sich entlang der meistbefahrenen Straße im 21. Bezirk Richtung Norden treiben, kann man sich selbst von der Vielseitigkeit dieses Bezirks überzeugen. Türkische Supermärkte wechseln sich mit Gebrauchtwagenhändlern libanesischer und bosnischer Herkunft ab, der größte Media-Markt Österreichs ist ebenso wie das SCN (Shopping Center Nord) oder das Heeresspital auf der Brünnerstraße beheimatet.

Doch Floridsdorf ist mehr als nur eintönige Industriegebiete entlang der Hauptverkehrsstraßen. Einige Katastralgemeinden Floridsdorfs wie Stammersdorf im Norden oder Leopoldau im Süden des Bezirks haben sich ihren dörflichen Charakter ebenso wie den Stolz der Bewohner bewahrt.

Ein Bewohner Leopoldaus zum Beispiel wird sich niemals Floridsdorfer nennen!

An Leopoldau grenzt eine der Siedlungen mit dem fragwürdigsten Image im Einundzwanzigsten, die Großfeldsiedlung. Im Jahr 1933 stellte die Stadt Wien das damals unbebaute Land am Stadtrand Wiens für eine Siedlung für Erwerbslose zur Verfügung, da in Wien in Folge der Weltwirtschaftskrise ein hohe Arbeitslosigkeit herrschte. Jeder Siedler erhielt damals eigenen Grund und Boden, um sich selbst mit Obst und Gemüse versorgen und Hühner und Hasen halten zu können. Gegen Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde das Gelände mit Strom-, Gas- und Abwasserleitungen erschlossen und zahlreiche Gemeindebauten errichtet. Mittlerweile wohnen in der Großfeldsiedlung zirka 30.000 Menschen, eigene S- und U-Bahnhaltestellen sorgen für eine gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr.

Große Aufregung in der Großfeldsiedlung, die seit den 70ern auch „Die Bronx Wiens“ genannt wird, herrschte nach einer umstrittenen Folge von Spiras Alltagsgeschichten im ORF, in der die Satellitenstadt angeblich als Heimat von Junkies, Trinkern, arbeitslosen Nazis und Gewalttätern hingestellt wird. Wenn man unvoreingenommen und nicht grad um 4 Uhr früh durch die Häuserschluchten marschiert wird man jedoch merken, dass alles halb so wild ist, am Stadtrand Wiens.

Das absolute Gegenteil der am Papier geplanten Satellitenstadt ist der historische Dorfkern von Stammersdorf im Norden des 21. Bezirks.

Am Südosthang des Bisambergs gelegen, finden sich in Stammersdorf Wiens schönste Kellergasse mit unzähligen Weinkellern und Heurigen-Lokalen ebenso wie die Überreste einer ehem. Flugzeugfabrik aus dem zweiten Weltkrieg, die man noch heute besichtigen kann und die Van Swieten-Kaserne mit dem Heeresspital und der Sanitätsschule des Bundesheeres.

Und, ist Floridsdorf nun so schlimm, wie immer behauptet wird? Mein Fazit nach einer ausgiebigen und mehrtägigen Reise durch den Norden Transdanubiens fällt eindeutig aus: Jein!

Floridsdorf ist vor allem eines, nämlich vielfältig! Von heruntergekommenen Siedlungen mit Ghetto-Charakter über urige Kellergassln und historische Ortskerne bis zur Donauinsel mit dem Islamischen Zentrum ist in Floridsdorf alles zu finden. Wenn man nur hinschaut!

Wierus

P.S.: Der zweite Teil der Transdanubien-Reihe mit dem Titel „Die Donaustadt vor den Toren Wiens“ folgt nächste Woche! Bleibt dran!

Advertisements

Über Lukas

Ein Steirer, der gern lenkt und dabei denkt.
Dieser Beitrag wurde unter Österreich, Städtetour abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Floridsdorf, die Bronx Wiens? Transdanubien, Teil 1

  1. Alex schreibt:

    ….ad Stammersdorf – Kellergasse….

    um Geld und Touristen zu sparen….. Durch die Kellergasse durch und bis Hagenbrunn fahren….. Prost!

    • Stammersdorferin schreibt:

      sowas lächerliches^^ Stammersdorf ist ein wunderschönes Gebiet, und für solche User besser gesagt looser wie Dich zu schade

  2. Klemens schreibt:

    Ein ziemlich funky Artikel, Bruderherz!

  3. alexander ratzek schreibt:

    als jemand, der in der großfeldsiedlung aufgewachsen ist, kann ich dem artikel nur bedingt zustimmen. wenn man einen eindruck davon gewinnen will, wie sich die soziale situation in der großfeldsiedlung darstellt, empfehle ich einen besuch des ekazents an der kürschnergasse zur mittagszeit…tristesse pur (und damit ist die bronx nicht mehr soooo weit weg)!

    gruß alex

    p.s.. das mit leopoldau stimmt…das ist ungefähr so wie mit den schotten, die man tödlich beleidigen kann, wenn man sie „english“ nennt…denn sie sind, wenn schon denn schon „british“! deswegen ist ein leopoldauer niemals(!) floridsdorfer (sein grätzl liegt nur zufälligerweise in dem bezirk)…ach ja…leopoldau beherbergt übrigens eine staue des hl. floridus!

  4. Stammersdorferin schreibt:

    Stammersdorf hebt sich bedeutend von Floridsdorf ab, unabhängig davon das kein Stammersdorfer sich als Floridsdorfer bezeichnen würde. Meine Familie lebt hier seit 1500 und bislang war es eine sehr elitäre Wohngegend 🙂

  5. Christoph Leitner-Ludwig schreibt:

    das kann ich nur unterstreichen 😉 meine Familie ist seit 1700 hier angesiedelt (ich leider nicht mehr) aber ich weine heute noch Stammersdorf nach. Wer einmal hier gelebt hat und hier durch die Gassen gewandert ist (Hauk Villa, Berger Schlössl, Wein Schlössl, Wegenstein Villa…..) der weiß den Unterschied STAMMERSDORF zu floridsdorf 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s