Die Made in uns!

Sechzehn Tage lang konnten schmerz- und ekelfreie Zuseher auf einem drittklassigen Privatsender beobachten, wie elf finanziell schwer angeschlagene vermeintlich prominente Deutsche im Dschungel Australiens über Ekelmenüs und sich selbst herfallen.

Selten polarisierte ein Reality-Format so stark wie das Dschungelcamp, genannt „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“. Und doch schauten ~ 8 Millionen Menschen im deutschsprachigen Raum zu, wie sich in Vergessenheit geratene Schauspieler mit gescheiterten Boy- und Girlband-Sängern verbrüderten, um ein Möchtegern-Model zu mobben. Was macht die Faszination hinter solchen Ekel-Formaten aus? Warum geht es uns mit solchen Fernsehformaten wie mit überfahrenen Katzen? Man muss hinsehen, auch wenn man weiß, dass es einen ekeln wird.

Ich glaube, primär geht es um klassischen Voyeurismus.

Man sitzt mit den Lieben auf der gemütlichen Couch vorm Ferseher und sieht dabei zu, wie ein unreifes, junges Mädchen aufgrund ihres unkollegialen Verhaltens von der gesamten Gruppe zur Buh-Frau für Hunger, Regenwetter und Mückenplagen gemacht wird und weinend das Camp verlässt. Sarah-Gate war geboren.

Man ist schockiert, dass der sonst so sympathische ältere Schauspieler, bekannt aus Traumschiff, Rosamunde Pilcher und Co.,  in Wahrheit ein paranoider und intriganter Choleriker ist, der seine gute (?) Kinderstube vergisst, sobald man ihn mit 10 anderen Menschen in den Wald schickt.

Man schmunzelt über einen eingebildeten Boygroup-Sänger, der seine besten Jahre und Haare bereits hinter sich hat, obwohl er bis zur magischen 30 noch zwei Jahre Zeit hätte. Und wenn derjenige dann auch noch einen trainierten Oberkörper besitzt und ihn vor den zahlreichen Kameras entsprechend einzusetzen weiß, dann ist auch die Frauenwelt hin und weg. Jede Leserin, die jetzt „Absolut NEIN!!“ ruft, hat verstanden… 😉

Man wundert sich über den daheimgebliebenen Freund einer ehemals vielleicht sogar ein wenig bekannten Schauspielerin mittleren Alters, der mittels Email an die Bild-Zeitung die Trennung von seiner Partnerin bekannt gibt, während sie im Dschungelcamp sitzt und verzweifelt versucht, mit dem gewonnenen Geld ihre Insolvenz abzuwähren. Acht Millionen Zuseher und die zwei Moderatoren der Show wissen über ihre Trennung Bescheid, nur der von der Außenwelt abgeschnittene „Star“ hat keine Ahnung.

Und dann gibts da noch den gutmütigen, etwas weinerlichen Typen von nebenan, der nach 16 Tagen mit Holzzepter in der Hand und Gartensalat am Kopf vom Publikum auf den Thron des Dschungelkönigs gewählt wurde. Anfangs noch farbloser Außenseiter, den niemand kannte, stieg der ehem. Moderator und mittlerweile Restaurantbesitzer dank Sarah-Gate zum König der Herzen und des Dschungels auf. Neutralität und bedachtes Handeln kann sich auch im Ekelfernsehen auszahlen.

„Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ war ein Geniestreich der englischen Fernsehmacher, die dieses Format einst erfanden und äußerst lukrativ an Fernsehanstalten in aller Welt verkauften. Auch wenn es noch so ekelhaft sein mag, auch wenn diese Sendung das Niveau der Privatsender noch weiter in Richtung Keller drückt (Geht es noch weiter?), so muss man neidlos gestehen, dass der große Erfolg den Machern wohl oder übel recht gibt.

Und solange es Menschen gibt, die so verzweifelt nach Publicity und Geld gieren, um sich in solchen Formaten mehr oder weniger freiwillig zum Deppen zu machen, wird man den Erfolg des Ekelfernsehens nicht aufhalten könnten.

Wierus

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Über Lukas

Ein Steirer, der gern lenkt und dabei denkt.
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Eine Antwort zu Die Made in uns!

  1. lusa schreibt:

    sehr treffend der artikel! gefällt mir gut!

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