Das Camry-Phänomen

Dass es höchst unterschiedliche Geschmäcker, Meinungen und Ansichten gibt, wenn es ums eigene Auto geht, ist ja hinlänglich bekannt. Doch das Phänomen Toyota Camry ist es wert, sich genauer damit auseinander zu setzen.

Denn diese unauffällige Limousine der gehobenen Mittelklasse ist einer der erfolgreichsten PKWs weltweit und doch zumindest in Mitteleuropa einer der größten Flops von Toyota. Über Jahre hinweg meistverkaufter Personenwagen in den USA, äußerst beliebter Business-Schlitten in Russland und Teilen der ehem. Sowietunion, bevorzugte Chauffeurlimousine hoher Funktionäre in Afrika und in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern. Eine beispiellose Erfolgsgeschichte, möchte man meinen.

Doch in Westeuropa wurde der Camry 2004 vom Markt genommen. Wegen chronischer Erfolglosigkeit. Die wenigen heimischen Camry-Fahrer jedoch scheinen bedingungslos zu ihren Fahrzeugen zu stehen und halten der großen Limousine eisern die Treue.

Doch woran liegts, dass dieser Wagen so polarisiert?

Um diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, muss man zuerst ein wenig mehr über den Camry wissen. Die ersten beiden Generationen verkauften sich auch in Österreich noch ganz manierlich, auch dank Liftback- und Kombiversion und vor allem wegen des verfügbaren Turbodiesel-Motors. Ab der dritten Generation waren dann nur noch Benzinmotoren mit 2.2/2.4 und 3 Liter Hubraum (V6) zu haben, der Kombi lief aus und damit war das Schicksal des Camry in Europa besiegelt.

Mitte der 90er, mit der Einführung sparsamer und grauenhaft rauher Direkteinspritz-Dieselmotoren (TDI), entwickelte sich der heimische Autogeschmack komplett konträr zum Camry. Kompaktklassewagen mit Steilheck wurden immer beliebter, die Käufer legten immer größeren Wert auf sparsame Dieselmotoren, praktische Heckklappen und vermeintliches Prestige selbsternannter Premium-Marken aus Deutschland. In diese Zeit passte der Camry, den es ausschließlich mit Benzinmotoren, als Stufenhecklimousine und garantiert ohne Image gab, seit Mitte der 90er nicht mehr.

Zusätzlich kam erschwerend hinzu, dass nach Fahrzeugen der gehobenen Mittelklasse ohne deutschen Pass keinerlei Nachfrage vorhanden war. Wenn dann auch noch ein beiger Innenraum, ein komfotabel-weiches Fahrwerk und Frontantrieb dazu kommen, ist es mit den Verkaufschancen erst recht vorbei. Übrig blieben nur ein paar wenige Kunden, denen bedingungslose Zuverlässigkeit und komfortable Fortbewegung wichtiger sind als sportliches Handling oder anerkennend nickende Nachbarn.

In Nordamerika hingegen zählen ganz andere Werte und Eigenschaften, wenn es um Autos geht. Der Camry war und ist in den USA der meistverkaufte PKW, weil er für US-Verhältnisse alles richtig macht. Er gleitet komfortabel und flüsterleise über Highways, ist im Vergleich zu SUVs und Pick-Ups sehr sparsam und deutlich flotter und von Imagesorgen werden die wenigsten Amis gequält. Optimale Voraussetzungen. Wenn dann noch der Preis passt und der Wagen mit geringstem Wartungsaufwand absolut zuverlässig seine Meilen abspult, ist Erfolg garantiert. Zusätzlich gibts den neuen Camry auch als Hybrid-Version. Besonders beliebt in Kalifornien.

Ein Mysterium hingegen bleibt der Erfolg des Camry in Ländern wie Russland, der Ukraine oder Moldawien. Dort verkauft sich der Camry der aktuellen Generation so gut, dass Toyota in Russland ein Werk eröffnen musste, um die Nachfrage stemmen zu können. Offenbar ist der Stellenwert japanischer Marken in diesen Ländern höher und absolute Zuverlässigkeit zählt mehr als bei uns.

Auch dass amerikanischer Komfort bei Fahrwerk und Bedienung in Russland ähnlich beliebt sind wie in Nordamerika, liegt nahe. Nicht umsonst werden viele große japanische Autos, die ausschließlich für den US-Markt hergestellt werden, nach Russland importiert.

Der Camry ist ein gutes Beispiel für den im Vergleich zum Rest der Welt völlig anders tickenden Automarkt in Westeuropa. Nirgendwo sonst setzen sich so viele Autofahrer in spärlich ausgestattete, laut ratternde und hart gefederte Kompaktklassewagen. Nirgendwo sonst geben so viele Kunden so viel Geld für mager ausgestattete deutsche Autos aus, nur um bei Nachbarn und Kollegen Eindruck zu schinden. Nirgendwo sonst wird so gerne sportlich gefahren, um Kurven geräubert und der Motor in den Drehzahlbegrenzer gejubelt wie bei uns. Das erklärt die europäische Vormachtstellung des VW-Konzern im Speziellen und deutscher Autos im Allgemeinen. Und den Erfolg des Camry  überall sonst…

Lukas

P.S.: Das Camry-Phänomen ist nach dem großen Toyota benannt, weil er das prominenteste „Opfer“ ist. Es trifft so natürlich auch auf den Hyundai Sonata und Grandeur, auf große Daewoos und Kias, auf den Nissan Maxima, den Mitsubishi Sigma, den Mazda Xedos 9 und andere Luxusfahrzeuge aus Japan und Korea zu.

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Über Lukas

Ein Steirer, der gern lenkt und dabei denkt.
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2 Antworten zu Das Camry-Phänomen

  1. YoungtimerBlog schreibt:

    Die Auto-motor-und-sport, Gralshüterin Deutscher Automobilbaukunst und größter Anzeigen Profiteru in einem, hat sich nicht einmal mehr die Mühe gemacht, den letzten Camry zu testen. Da gab es einem halbseitigen Fahrbericht – von Vergleichstests mal ganz zu schweigen. Der Kombi war wirklich ein scharfes Gerät – schon allein der hintere Doppelscheibenwischer sichert ihm automobilen Kultstatus [http://de.academic.ru/pictures/dewiki/84/Toyota_Camry_Kombi_rear_20071004.jpg].
    Aber an Deutsch[sprachig]en Stammtischen kann man sich da wohl den Mund fuselig reden…
    Aus Marketing-Sicht habe ich mich immer gefragt, warum Toyota den nicht – wie in anderen Ländern – als Lexus ES300 auf den Markt gebracht hat – vielleicht brauchen die Deutschen das?

  2. Pingback: Der letzte echte Toyota? | The way of drive...

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