20 Jahre Volvo-Oberklasse

Im englischsprachigen Raum nennt man sie „swedish brick“, was soviel heißt wie „schwedischer Ziegel“,  und auch bei uns schwören nach wie vor unzählige Autoenthusiasten auf die Oberklasse von Volvo. Doch in den 90er Jahren änderte sich bei Volvo alles, technisch wie auch optisch. Aus den konsequent kantigen Kolossen mit Heckantrieb wurden rund gelutschte und beinahe schon elegante Businessjets mit Frontantrieb. Unterschiedlicher geht´s nimmer, daher hab ich versucht, ihren Charakter zu er-fahren. 😉

Alter vor Schönheit, der Volvo 940 GLE von 1991 kommt zuerst dran! Ausgestattet mit einem 2.3 Liter-Motor und einem Fünfgang-Schaltgetriebe, schickt der klobige Kasten 131 PS an die Hinterachse. Auf den ersten Blick nicht viel für einen so großen und vermeintlich schweren Wagen, doch der 940er wiegt lediglich 1350kg. Da reicht die Leistung klarerweise locker aus, um flott durch die Lande zu stürmen.

Trotz 280.000km auf der Uhr macht auch der Innenraum einen sehr gepflegten Eindruck, schießt es mir beim Einsteigen durch den Kopf. Nur die Schraublöcher im Armaturenbrett bleiben bei einigen Vorbesitzern in 20 Jahren wohl nicht aus. Was solls, es gibt schlimmeres. Die Sitze sind weich und bequem, wenn man so wie ich auf asiatische Autos geeicht ist fällt auf, wie groß die Sitze sind. Die Kopfstütze passt perfekt, Lehne und Sitzfläche sind mehr als ausreichend lang, das Platzangebot auf allen Plätzen großzügig.

Doch das Interieur ist für mich trotzdem der größte Kritikpunkt an den alten Volvos. Diese schwarze Plastikwüste strahlt keinerlei Heimeligkeit oder Wärme aus, die Türverkleidungen sind betont schlicht, wirken total nackt und improvisiert, der ganze Innenraum hat den Charme eines Brotkastens.

Doch das Fahrgefühl versöhnt! Man sitzt hinter der niedrigen und breiten Windschutzscheibe wie in einer Cessna, das große und dünne Lenkrad in der Hand, und blickt auf die enorm große Motorhaube. Ist der Koloss nach einem trägen Start erst einmal in Fahrt, läuft er leise und bequem, federt kommod über Unebenheiten und lässt in nassen Kurven auch gern mal das Heck raushängen. Verglichen mit anderen Autos dieser Klasse und dieses Alters fährt sich der Volvo 940 GLE wie ein Oldtimer, doch das muss kein Nachteil sein! Heute undenkbar, dass der Wagen bis 1998 als S/V90 angeboten wurde, wenn auch facegeliftet.

Doch sein Nachfolger, der Volvo S80 D5 von 2005, krempelte die skandinavische Oberklasse ab 1998 komplett um. Plötzlich war bei Volvo nichts mehr so, wie es mal war! Der Heckantrieb, der sich früher durch das gesamte Modellprogramm zog, war komplett verschwunden, alle Motoren waren quer verbaut und die Kanten im Exterieurdesign verschwunden.

Runde Formen, eine elegante Flanke und ein freundliches Gesicht, so muss eine Oberklasselimousine aussehen! Keine Spur von optischer Präpotenz wie bei den Single-Frame-Audis und erfreulicherweise versucht der S80 auch nicht, andere Verkehrsteilnehmer mit bitterbösem Blick von der Straße zu vergraulen. Volvos Designlinie im neuen Jahrtausend gilt nicht nur in Fachkreisen als sehr gelungen, auch bei unbedarften Zeitgenossen, die mit Autos nichts am Hut haben, kommen Volvos sehr gut an. Zu recht, wie ich finde!

Auch der Innenraum wirkt nun deutlich heimeliger und gemütlicher! Keine Spur mehr vom Brotkastendesign des Vorgängers Der S80 hält auch im Innenraum locker mit Audi-, BMW- oder Mercedes-Benz-Modellen gleichen Alters mit. Die großen, bequemen und sehr sicheren Sitze sind gottlob geblieben, sonst aber auch nichts.

Doch wie immer im Leben ist nicht alles besser, nur weil es anders ist! Der S80 mit 140.000 Kilometer Laufleistung zeigte deutliche Abnutzungsspuren innen wie außen, die bombensichere Qualität und Haltbarkeit der alten Modelle scheint wohl auch verschwunden zu sein. Schade, doch auch das hat der Volvo S80 mit der Konkurrenz gemein.

Durch den Quermotor mit Frontantrieb ist das Platzangebot fürstlich, doch dieser Vorteil gegenüber seinen Mitbewerbern rächt sich spätestens bei der ersten Fahrt! Das bärige Drehmoment des modernen Dieselmotors mit 163PS reißt im Lenkrad, man merkt bei jedem Beschleunigungsvorgang und in Kurven, dass man mit einem Fronttriebler unterwegs ist. Darüber mag man denken wie man will, aber eine Oberklasselimousine sollte eigentlich frei sein von lästigen Antriebseinflüssen!

Und, wie sieht´s jetzt aus? Sind die beiden Fahrzeuge wirklich so unterschiedlich, wie sie aussehen? Definitiv ja!

-> Der 940 GLE fährt sich wie ein Relikt aus vergangenen Tagen, dank Heckantrieb und geringem Gewicht agiler und spaßiger als er aussieht. Die Laufleistung von 280.000km ist an dem Fahrzeug beinahe spurlos vorüber gegangen, Technik, Karosserie und Innenraum scheinen wie für das ewige Leben gemacht. Ein Qualitätsniveau, das seinesgleichen sucht. Und sicherlich nicht findet! Doch man erkauft es sich mit sehr schlichter, ungemütlicher Optik im Innenraum. Ein Auto für Fans der Marke, die Spaß daran haben, mit ihrem eckigen Schlachtschiff die 500.000 Kilometer-Marke anzupeilen. Wenn nötig auch quer…

-> Der S80 D5 hingegen kommt aus einer anderen Welt. Er sieht nicht nur mindestens 20 Jahre jünger aus, er ist auch viel moderner. Optisch elegant und rundgelutscht, fährt er sich wie ein moderner Oberklassewagen. Es gäbe nichts zu mäkeln, wenn bloß der Frontantrieb nicht wäre! Wie bei vielen anderen modernen Fahrzeugen merkt man deutlich, dass in Sachen Langzeitqualität drastisch eingespart wurde. Deutliche Abnutzungsspuren im Innenraum, feuchte Scheinwerfer und sich unter der Sonneneinstrahlung verformende Kunststoffteile hätte es beim 900er Volvo wohl nicht gegeben. Zumindest nicht bei lächerlichen 140.000km Laufleistung.

Der 900er Volvo ist wohl erste Wahl, wenn es ein alltagstauglicher Youngtimer mit dem Nimbus der Unzerstörbarkeit sein soll. Einen S80 kauft man wohl eher zufällig, weil er halt grad da ist.

Wierus

P.S.: Mein großer Dank geht´s ans Autohaus Windhaber in Stubenberg am See im Bezirk Hartberg, das mir beide Fahrzeuge großzügigerweise für Probefahrten zur Verfügung gestellt hat. Danke Hannes, Danke Franzi!

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Über Lukas

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