Der Sternenkreuzer

Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2005, es ist Frühling. Meinen geliebten Pajero hatte ich im März 2005 wegen exzessiven Rostbefalls verkauft und die Zeiten des Leone, den ich als Youngtimer gelegentlich fuhr, waren auch schon gezählt. Ich wollte einen problemlosen Wagen mit Klima und einem Mindestmaß an Sicherheit und da ich die Marke Mercedes-Benz immer schon faszinierend fand, machte ich mich auf die Suche nach einem 90er-Jahre-Benz.

Nach einigen doch-nicht-ganz-unfallfreien W124ern sah ich im Mai durch Zufall einen W202 in elegantem Silber bei einem Peugeot-Händler stehen. Der Wagen stellte sich als Mercedes-Benz C220 Diesel Elegance, Modelljahr 1996, heraus, einer der ersten mit der kleinen MoPf. Zwei ältere Vorbesitzer, 120.000km auf der Uhr und Serviceheft lückenlos zu einem vernünftigen Preis. Nach der obligatorischen Probefahrt hab ich ihn gekauft, hier bei der ersten Ausfahrt nach der Abholung:

Ich war hin und weg. Mein erster Mercedes-Benz, das Gefühl war unbeschreiblich! Der Stern auf der Haube, elegantes Wurzelholz im Innenraum und das satte Fahrgefühl ließen mich auf Wolke 7 schweben. Auch wenn der 2,2 Liter Saugdiesel lediglich 95 müde Pferde bereitstellte, die zu allem Übel erst bei dieseluntypisch hohen Drehzahlen zum Dienst antraten und die Schaltung etwas hakelte, ich war glücklich.

Als die erste Euphorie gewichen war, fiel mir auf, dass die Klimaanlage gelegentlich faulig-sauer stank, der ganze Wagen rundum nachlackiert war (wegen heftigen Rostbefalls, wie sich später herausstellte) und sämtliche Gelenke der Vorderachse Geräusche machten. Offenbar war ich auf eine billig nachlackierte Rostlaube mit Wartungsstau reingefallen.

Doch davon ließ ich mir die Freude am Sternenkreuzer nicht vermiesen. Nach einigen Reparaturen lief er ausgezeichnet und ich rollte stolz durch die Lande. Der Wagen machte mir großen Spaß, doch dann kam der Winter! Trotz neuer Winterreifen und einigen Packungen schweren Fliesen im Kofferraum stellte jede verschneite Steigung ein unüberwindbares Hinternis für mich und meinen Benz dar. Eine ganz neue Erfahrung, wenn man von einem Pajero umsteigt!

Und so fuhr ich im Winter nur dann, wenn es wirklich nicht anders ging. Ich hatte mir das so nicht vorgestellt, aber besser man fährt nicht als man kniet im Matsch neben dem Auto und versucht mit klammen Fingern, viel zu kleine Schneeketten über viel zu große Reifen zu ziehen.

Doch auch der strengste Winter ist irgendwann vorbei und mit der neugewonnen Freiheit durch schneefreie Straßen begann ich, meine C-Klasse ein wenig zu individualisieren. Die Blinker der US-Version gefielen mir besser als die serienmäßigen Dinger und ein paar kleine Chromakzente wirkten auch Wunder:

Links der Originalzustand beim Kauf, rechts die Optik nach meinen kleinen Modifikationen.

Leider hatte der Winter unübersehbare Rostspuren an den typischen Stellen des W202 (Türen, Radläufe hinten, Kotflügel vorne, rund um den Antennenfuß und den Öffner der Heckklappe, etc.) hinterlassen und ich machte mir den Sommer über Gedanken, ob ich noch einmal einen Winter mit Heckantrieb und ohne ASR verbringen wollte.

Der Wagen war optisch genau mein Fall und ich fuhr ihn auch nach wie vor sehr gerne, doch aufgrund einiger fälliger Investitionen und der notwendigen Rostkur samt einer Teillackierung des Fahrzeugs entschied ich mich, den Wagen zu verkaufen und mir wieder einen Allradler für den Alltag zu holen.

Doch der Verkauf im Herbst 2006 gestaltete sich schwierig, der Ruf des W202 war zu diesem Zeitpunkt bereits ordentlich angeknackst. Nach langem hin und her schlug im November 2006 dann doch noch jemand zu. Ein Kroate, der den Wagen kurze Zeit in Graz fuhr und ihn dann wohl Richtung Balkan exportierte.

Adieu W202, die Zeit mit dir war schön, doch mit meinem heutigen Wissen würde ich dich nicht mehr kaufen!

Wierus

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Über Lukas

Ein Steirer, der gern lenkt und dabei denkt.
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3 Antworten zu Der Sternenkreuzer

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