Stuttgart, eine Stadt unter gutem Stern?

Spätestens seit der Eröffnung des nicht nur architektonisch spektakulären Mercedes-Benz-Museums im Mai 2006 sollte jeder Autoenthusiast zumindest einmal in Stuttgart gewesen sein. Ob man seinen Stuttgart-Besuch als Wochenendtrip mit Hardcore-Museumsprogramm bei Mercedes-Benz und Porsche inkl. Werksführungen plant oder ganz gemütlich eine Woche Urlaub in der auffallend grünen Stadt am Neckar verbringt, bleibt dabei jedem selber überlassen. Ich habe den Mittelweg gewählt, spricht einen Tag Anreise, einen Tag Mercedes-Benz-Museum, einen Tag Porsche-Museum und einen vierten Tag für eine Stadtbesichtigung und die Abreise.

Verlässt man nach der stressfreien Anreise mit dem ICE den Bahnhof und sieht sich um, fällt der erste Blick auf den großen, sich drehenden Stern auf dem Turm des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Sehr imposant, und doch angezählt. Denn sobald man den Bahnhof verlässt, wird man mit den Protesten der Stuttgart21-Gegner konfrontiert, die sehr energisch und publikumswirksam gegen das Millionenprojekt und für die Erhaltung des Schlossparks kämpfen. Doch wegen idealistischer Umweltschützer und umstrittenen Bauprojekten bin ich nicht zu den Schwaben gereist, also nichts wie ab ins Hotel und Kräfte sammeln für den folgenden Tag, der ganz dem Besuch des Mercedes-Benz-Museums gewidmet ist.

Und auch wenn ich tief im Inneren ein Liebhaber japanischer Autos bin und immer bleiben werde, muss ich doch gestehen, dass mir ein kalter Schauer über den Rücken gelaufen ist, als ich auf dem Museums-Vorplatz stand, auf dem gerade ein SLS AMG eine kleine aber sehr feine Sound-Kostprobe gab. Die sehr futuristischen Aufzüge im Inneren des Museums sorgen für den nächsten Aha-Effekt und bringen Besucher ganz nach oben unters Dach. Denn dort geht die Zeitreise durch die Geschichte der Marke Mercedes-Benz im Jahr 1886 los und führt den Besucher in Halbstock-Schritten wieder ganz nach unten beziehungsweise ins Jahr 2011.

Doch so interessant und imposant der Gang durchs Museum und die zahlreichen Ausstellungsstücke auch sein mögen, so abgehoben und realitätsfern gestaltet sich der Gang durch die „Young Classics“-Abteilung, in der zwischen dem Museum und dem Neuwagenverkauf Youngtimer vom Schlage eines SL R129, einen W124 Coupes oder eines W126 an den Mann gebracht werden sollen. Ich denke nicht, dass jemand bereit sein dürfte, 24.000 Euro für einen 95er E320 W124  oder 46.000 Euro (!!!) für eine S-Klasse der Baureihe W140 zu bezahlen. Da können die Kilometerstände noch so fünfstellig und die Pflegezustänge noch so gut sein.

Tags darauf wurde es Zeit fürs Porsche-Museum in Zuffenhausen, dank direkter Anbindung an die S-Bahn ebenso problemlos und günstig zu erreichen und architektonisch mindestens gleich imposant wie das MB-Museum. Auch wenn man bei Porsche von unten nach oben marschiert, um der Zeitspirale vom Lohner-Porsche bis zum Cayenne Hybrid zu folgen, ist es doch ähnlich aufgebaut wie beim Stern. Und doch erreicht man bei Porsche das Niveau von Mercedes-Benz nicht. Fehlende Exponate, auf deren Standplatz nur Ölspuren zu sehen sind, knirschende und teils gebrochene Steinplatten und ein höherer Eintrittspreis mit geringerem Gegenwert. Hat Porsche so etwas wirklich nötig? Es bleibt eindeutig Raum für Verbesserungen!

Am vierten und letzten Tag der Reise und mit einigen Stunden „Freizeit“ 😉 bis zur Abfahrt in Richtung Heimat blieb noch ausreichend Zeit für eine Stadtbesichtigung. Wie ich jetzt weiß, ist man damit in Stuttgart recht flott wieder fertig, denn der  Zweite Weltkrieg hat leider nicht viel von der Altstadt übrig gelassen. Der Großteil der Innenstadt-Gebäude wurde entweder in den 50er und 60er Jahren im damaligen Stil neu gebaut oder rekonstruiert. Teils stehen nur noch Fassaden von Kirchen, viele optisch antik wirkende Gebäude sind noch keine 60 Jahre alt und das Rathaus könnte auch als Hauptquartier des KGB durchgehen:

So bleibt nur der Schlosspark und die Gegend ums „Neue Schloss“, in der sich Stuttgart von seiner schönsten Seite zeigt. Abschließend noch ein paar Eindrücke aus Benz-Town, wie man Stuttgart im englischsprachigen Raum oft nennt: Die Zahl  stark motorisierter deutscher Autos ist naturgemäß bedeutend höher als bei uns, beinahe jede Nacht wurde ich von Ampelrennen zwischen hochmotiviertem AMG-Fahrern geweckt und die große Anzahl an Fußgängerunterführungen zeigt, wie autofreundlich diese Stadt gebaut ist. Von der Umweltzone merkt man nicht viel, bloß alte Diesel und Geländewagen klassischer Bauart sieht man gar nicht.

Die beiden großen Museen sollte man als Autofreak einmal gesehen haben, wegen der Stadt an sich muss man die endlose Anreise per Bahn nicht in Kauf nehmen.

Wierus

 

 

Advertisements

Über Lukas

Ein Steirer, der gern lenkt und dabei denkt.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Städtetour abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s