Nasenbär und Happy Face

„Jetzt ist es soweit, jetzt spinnt er, der Cremers!“ war meine erste Reaktion, als ich die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Youngtimer auf Seite 32 das erste Mal aufgeschlagen habe und mir der Fahrbericht samt Kaufstory zum VW Passat 35i „Nasenbär“ entgegen gelacht hat. Wie kann man nur so eine Kiste in einer Youngtimer-Zeitschrift zeigen! Verranzt und verrostet, mit Streifschuss links vorne und sowieso: Ein alter Passat, das langweiligste und ödeste Auto diesseits des Opel Vectra, Symbol für deutsche Langweiligkeit par excellence.

Doch man tut ihm Unrecht. Dem Passat 35i, nicht dem Herrn Cremers! Das Exemplar, das er scheinbar gekauft und für die Geschichte ausgewählt hat, ist der Supergau einer runtergerittenen Letzthand-Gurke, doch ein zweiter Blick auf den 1988 vorgestellten Wagen kann durchaus lohnend sein.

Na DAS ich doch gleich etwas ganz anderes! Wie so oft kommt es nur auf die Version und den Pflegezustand des Fahrzeugs an. Als abgeranztes, silbernes Pensionistenmodell mit Streifschuss kann nicht einmal ein 911er begeistern, warum sollte es dann ein schnöder Passat können? Und doch hat er was, der rote GT Stufenheck auf dem Werksfoto oben. Spätestens auf den dritten Blick fällt auch die wirklich markante Linienführung auf, die man aufgrund der großen Stückzahlen bisher ebenso wenig bewusst wahrgenommen hat wie die Sehenswürdigkeit, an der man täglich vorbeimarschiert.

Die kühlergrillfreie Schnauze mit Scheinwerfern wie hinter einer Brille, zwei kecke Nebler und eine Unterlippe wie die Spinnerin der Gebrüder Grimm. Eine scharfe Kante in den Flanken, hohes Heck ala 190er-Mercedes, dadurch ergibt sich eine schnittige Kleinform. Dass die Rückleuchten aussehen wie von einem Wartburg sei ihnen verziehen.

Doch leider steht und fällt das Flair eines VW der 80er und 90er Jahren mit der Ausstattung im Innenraum. Serienmäßig und im Basismodell meist Grau, ohne Ausstattung, mit dem Flair eines Kühlschranks und einigen LED-Kontrollleuchten, wie sie nicht einmal ein Nutzfahrzeughersteller verbauen würde. Das Interieur mag zwar strapazfähig sein, heimelig ist es nicht:

Gegen Ende 1993 wurde mit der Präsentation der Faceliftversion, genannt Passat B4 oder einfach nur „Happy Face“, alles ein bisschen besser. Die gewöhnungsbedürftige Schnauze des Nasenbären musste einer mehrheitstauglichen Front mit lächelndem Gesichtsausdruck weichen, aus dem Innenraum wurde die VW-Askese der 80er endgültig verbannt und selbst die Rückleuchten sahen nun weniger wartburgig aus. 😉

Youngtimer-Potential wäre besonders bei der Ur-Version, sprich beim Nasenbär, durchaus vorhanden, leider happerts jedoch an den überlebenden Versionen und am fehlenden Fünfzylinder unter der Haube. Ein „Variant GT G60 Syncro“ hat sicherlich das Zeug zum Sammlerfahrzeug, ein VR6 in cooler Farbkombination auch. Doch die überlebenden Exemplare, wobei es sich wohl primär um silberne 1.8 CL Limousinen handelt, sind ähnlich begehrenswert wie Fußpilz. Der Weg aus dem Tal der Verbrauchtautos wird für den Passat 35i wohl ein sehr steiniger werden, doch das hat er mit seinen Vorgängern gemein.

Kurioses Detail am Rande: Bemerkenswert an den verschiedenen Passat-Generationen ist der ständige Wechsel zwischen längs und quer verbauten Motoren. So warten die beiden ersten Generationen des Passat mit längseingebauten Motoren auf, in der hier behandelten dritten Generation wurden die Triebwerke quer zur Fahrtrichtung verbaut, im Nachfolger jedoch wieder längs, um beim Nachfolgemodell zum Quereinbau zurück zu kehren. Da konnte man sich in Wolfsburg wohl nie so recht entscheiden… 😉

Wierus

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Über Lukas

Ein Steirer, der gern lenkt und dabei denkt.
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3 Antworten zu Nasenbär und Happy Face

  1. David schreibt:

    Mahlzeit! Wo ist denn der Facebook Like Button? 😉

  2. Christian schreibt:

    Ich will meinen B4 nicht mehr missen: Ein günstiges und zuverlässiges Auto.

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