Die vergessene Legende

Gelegentlich geht man an einem vorbei, ohne ihn zu bemerken. Er fährt hinter dir im zähflüssigen Frühverkehr und du nimmst ihn nicht einmal wahr. Selbst ich hab ihn bisher keines zweiten Blickes gewürdigt. Zeit, einen Blick zu riskieren! Um welchen Wagen geht´s eigentlich? Um einen in England und Japan entwickelten und in Oxfordshire gebauten Oberklassewagen, den niemand auf der Rechnung hat. Vorhang auf für den Honda Legend!

Alles begann 1981 mit dem Project XX, einem Joint-Venture zwischen der damaligen Austin-Rover-Group und Honda. Der Rover SD1 konnte einen Nachfolger vertragen und Honda wollte endlich in den Oberklassemarkt einsteigen. Was lag da näher, sich zusammen an die Arbeit zu machen? Rover konnte zuverlässige Technik gebrauchen und Honda…, tja… die hatten wohl Mitleid mit den Briten und stellten sich zur Verfügung. 😉 Heraus kamen der Legend und der Rover 800, beide hergestellt in England. Nur der Legend für den US-amerikanischen Markt kam aus Japan.

Los gings in Europa dann gegen Ende 1986 mit der Limousine Legend HS, befeuert von einem quer eingebauten 2.5 Liter V6-Motor mit 173 PS, der vom eingeführten Kat jedoch recht schnell auf 150 PS gestutzt wurde. Als Hauptkritikpunkt am Legend musste von Anfang an der Frontantrieb samt Quermotor herhalten. Bei Honda Tradition, in der Oberklasse aber eine Glaubensfrage, wahrscheinlich der Hauptgrund für seinen Misserfolg in Europa.

Der 2,5 Liter Motor wurde bei uns nur ein Jahr angeboten, er war einfach zu schwach und zu durstig, besonders mit Automatikbox. Das zu niedrige Drehmoment bis 4000 Umdrehungen war wohl schuld daran. Zum Modelljahr 1988 startete die facegeliftete Limousine KA3, das wunderschöne Coupe KA4 und ein 2,7 Liter V6 mit 173 PS löste den alten 2,5 Liter in beiden Karosserieversionen ab. Luxustechnisch gabs keine Kompromisse, von der Lederausstattung über den Tempomaten bis hin zur Zweizonen-Klimaanlage war alles zu haben, was in den 80ern gut und bei der deutschen Konkurrenz sauteuer war. Sein Design war neben der hohen Qualität wohl der größte Pluspunkt am ersten Legend. Auch heute noch wirkt er zeitlos und elegant.

Zum Modelljahr 1991 wars dann nach nur 3 Jahren wieder vorbei mit der ersten Generation, der Legend KA7/KA8 stand vor der Tür und basierte auf einer neuen Plattform, die der Rover 800 aber nie bekam.

Ausgestattet mit einem nun längs verbauten 3,2 Liter V6, der seine 205 PS meist an eine Automatik abgab, wurde aus dem Legend zwar keine Sportlimousine, er teilte sich aber einige Komponenten mit dem NSX und fungierte damit als Entwicklungshelfer für einen der besten Sportwagen, die je in Japan gebaut wurden. In Sachen Design war auch der Legend der zweiten Generation über jeden Zweifel erhaben. Das erkannte auch Daewoo und bot den Legend KA zwischen 1994 und 1999 als „Daewoo Arcadia“ in Korea an. Doch nicht nur das, er wurde sogar in Süd Korea gebaut. Der Legend war wie gewohnt voll mit Luxus, von zeitgemäßen Safety-Features (ABS, Doppel-Airbags) über elektrische Sitze mit Memory-Funktion, Zweizonen-Klimaautomatik, Zentralverriegelung mit Fernbedienung und elektrischer Heckrollo bis hin zur Sitzheizung.

Ein bemerkenswertes Detail: Das Coupe der zweiten Legend-Generation war in Europa der erfolgreichste Legend, es verkaufte sich deutlich besser als die Limousinen. Kein Wunder, bei dem Styling!

Aufgrund des beachtenswerten Erfolgs dieser Generation wurde der Nachfolger „erst“ 1996 präsentiert, ein recht langer Modellzyklus für japanische Autos der 90er. Der Legend KA9 wird oft als großes Facelift der zweiten Generation missverstanden, zu unrecht.

 Leider ging es mit der dritten Generation des Legend in Sachen Verkaufserfolg wieder bergab. Der 3,5 Liter V6 mit 208 PS wurde von den immer leistungsgeileren Oberklassekunden als zu schwach empfunden, ein V8-Motor war zwar geplant, wurde aber aufgrund des Frontantriebs wieder verworfen. Bis auf seinen, wie schon beim Vorgänger, längs verbauten Motor in Kombination mit Frontantrieb blieb der Legend KA9 unspektakulär, wenn auch gewohnt solide und qualitativ erstklassig. Klar gings in Sachen Ausstattung weiter aufwärts, doch das fehlen der beliebten Coupe-Version versetzte ihm wohl den Rest. Die Verkaufszahlen rasselten ins Bodenlose, das Facelift 1999 konnte daran auch nichts mehr ändern, 2004 war dann endgültig Schluss für den KA9.

Was war das für eine Aufregung in der Fachwelt, als Honda zum Modelljahr 2005 den neuen Legend KB vorstellte. Er sah nicht aus wie seine Vorgänger, er fuhr sich nicht wie seine Vorgänger und er wurde auch in Europa wahrgenommen. Nicht wie seine Vorgänger. 😉

Kein Wunder, bei den Eckdaten. Der wieder (wie bei der ersten Generation) quer eingebaute und 295 PS leistende 3,5 Liter V6 mit VTEC mit Select-Shift-Automatik und ein permanenter Allradantrieb SH-AWD mit Active Yaw-System zur variablen Kraftverteilung zwischen linkem und rechtem Hinterrad sorgten für Sportwagen-Fahrleistungen im Limousinenkleid. Das übrigens teilweise aus Aluminium und Magnesium (!) bestand. Der vorhandene Luxus (u.a. Spurhalteassistent, Night-Vision, Head-up-Display, Kurvenlicht, Fußgänger-Erkennung etc.) war mehr als nur klassenüblich, das Fahrverhalten sportlich-agil, die gebotene Qualität beinahe konkurrenzlos, der Preis unter 70.000 Euro und doch kaufte ihn keiner.

Gegen die drei teuren Deutschen Audi, BMW und Mercedes-Benz ist in dieser Klasse Image-mäßig einfach kein Kraut gewachsen, erst recht nicht für einen High-End-Japaner. Ein Facelift 2008 konnte ihn auch nicht mehr retten, 2010 war dann in Europa Schluss für den Technologieträger. Ein Nachfolger ist nicht geplant.

Lukas

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Über Lukas

Ein Steirer, der gern lenkt und dabei denkt.
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