Skoda mit Gedächtnislücken

Was sind sie bei VW nicht stolz auf ihren Diskont-Bruder Skoda. Mit recht, denn seit der Übernahme des ehemaligen tschechischen Staatsbetriebs durch den VW-Konzern im Jahr 1991 schafften kluge Marketingheinis das beinahe unmögliche und etablierten eine Ostmarke mit eingebautem Auslach-Reflex innerhalb weniger Jahre als ernstzunehmenden Mitbewerber von Ford, Opel, Toyota und Co.. Das nötigt Respekt ab. Zumindest so lange, bis man sich ansieht, wie die VW-Tocher Skoda zur eigenen Vergangenheit steht.

Nur die Teile der Firmenhistorie, die den VW-Mannen genehm sind, werden auf der Homepage erwähnt, natürlich. Von den Anfängen der Marke unter dem Namen Laurin&Klement 1895 als Fahrrad- und Motorradhersteller über die Wende zum Autobauer mit Namen Skoda 1925 bis zu den Modellen Octavia und Felicia der 50er und 60er Jahre kommt die Markenhistorie ja noch ganz gut weg.  Doch dann klafft ein großes Loch bis zur Übernahme 1991. Gefüllt nur mit dem Satz „Trotz Verstaatlichung konnte das Unternehmen (…) einen relativ guten Standard wahren, der jedoch Ende der Sechziger Jahre nicht ganz der rasanten technischen Entwicklung in der westlichen Welt folgen konnte“. Süß!

Da verleugnen sie ungeniert ihre eigene Geschichte der 70er und 80er Jahre. Selbst auf der, von offizieller Hand geschriebenen, Wikipedia-Seite zur Marke Skoda kommen die Fahrzeuge der 70er und 80er Jahre fast gar nicht vor. Armselig, vor allem wenn man bedenkt, welch coole Kisten die Marke aus Mlada Boleslav in dieser Zeit hervor gebracht hat.

Die 100/110er Baureihe zum Beispiel, 1969 präsentiert, motorisierte nicht nur die Tschechoslowakei, sondern wurde in Teilen bis nach Neuseeland exportiert und dort montiert. Mit Heckmotor und Glubschaugen-Gesicht damals nicht unbedingt am Puls der westlichen Zeit, handelt es sich heute um ein sehr charmantes Automobil. Wie kann einem ein so sympathischer Oldtimer peinlich sein?

Die 1976 eingeführte Nachfolge-Baureihe 742 kennt unter diesem Namen zwar kein Mensch, unter der Handelsbezeichnung 105/120/130 wahrscheinlich auch nicht. Doch beim Betrachten eines Fotos wird einem schlagartig klar => Logisch, das ist DER klassische Skoda, wie man ihn früher kannte!

Zuletzt nur noch in Kleinserie, wurde diese letzte Heckmotor-Generation bis 1994 (!) hergestellt, durchlief einige Facelifts und ist nun dabei, verleugnet und vergessen zu werden. Klar, der 120er Skoda war kein elegantes Auto für Repräsentationszwecke mehr und das Heckmotorkonzept im Familienwagen war auch schon seit mindestens 20 Jahren überholt. Doch dass sogar der uninspirierte kleine Stinker Trabi eine größere Fangemeinde hat, ist mir unerklärlich!

Was glaubt ihr, wer ist fürs Design dieses Tschechenbombers 😉 verantwortlich? Der Altmeister Giorgio Giugiaro himself! Damit rechnet wohl niemand…

Die Kolonnen verrosteter tschechischer Heckmotor-Skoda, die sich noch in den 90er Jahren überladen und hysterisch kreischend über den Wechsel und die Pack in Richtung Italien schoben, überholt von den LKWs und belächelt von Westautofahrern, gehören nun mal ebenso zur wechselvollen Geschichte Skodas. Auch wenns den Marketing-Yuppies bei VW nicht passt.

Lukas

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Über Lukas

Ein Steirer, der gern lenkt und dabei denkt.
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2 Antworten zu Skoda mit Gedächtnislücken

  1. quartettblog schreibt:

    Das ist ja ein tolles Bild mit den beiden 80er-Jahre Girls! Wenn das ein Promobild war – Hut ab vor dem mutigen Versuch, eine Prise coolen westlichen Zeitgeist in die tchechische Autowerbung einzustreuen… Überhaupt, schöner Blog.

  2. snorrsenkel schreibt:

    es gibt noch enthusiasten!
    in meiner nachbarschaft fährt ein top restaurierter, roter skoda 110LS. der besitzer fährt ihn täglich im alltag und sogar im wintersalz wird er bewegt.

    schön zu sehen, dass nicht alles vom volkswagen-einheitsbrei überschleimt wurde und dass man sich jenseits der ehemaligen ddr für die alten wagen interessiert. 🙂

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