Wenn das der alte Rudolf wüsste…

Welche Maschine darfs denn sein?

Ein befreundetes Ehepaar möchte sich ein neues Auto kaufen und bittet mich um meine Expertise. Geld ist vorhanden, einige Wünsche wurden bereits konkretisiert, bis zum Herbst soll der neue Wagen in der Garage stehen. Soweit nicht sehr spannend. Bis zur Frage:“ Lukas, sollen wir uns lieber den Diesel oder den Benziner kaufen?“ Uff, jetzt wirds aufwendig…

Diesel halten ewig, sind aber lahm und laut. Benziner flott und spritzig, aber bald kaputt und trunksüchtig natürlich auch. So oder so ähnlich sah es lange Zeit in den Köpfen des Durchschnitts-Autofahrers aus. Mag ja in den 70ern oder 80ern gestimmt haben, heute ist die Welt unter der Motorhaube aber bedeutend komplexer.

Vor allem beim Thema moderne Diesel sollte man sich ordentlich Zeit nehmen. Denn die drei Attribute, die man Dieselmotoren früher zugeschrieben hat, passen heute alle 3 nicht mehr. In Zeiten der Bi-Turboaufladung samt variabler Turbinengeometrie und so manch anderem Schnickschnack gehören die lahmen Diesel endgültig der Vergangenheit an. Ein Saugbenziner mit 150PS wird immer schlechter gehen im Vergleich zum modernen Turbodiesel. Man müsste natürlich Turbo mit Turbo und Sauger mit Sauger vergleichen, mangels moderner Saugdiesel wird aber meistens der Turbodiesel neben den Saugbenziner gestellt und dann geht beim Herrn Otto das Licht aus. Dank hochentwickeltem „Soundtuning“ und Dämmmaterial in rauhen Mengen ist die Zeit der lauten Dieselrüttler auch längst vorbei.

Doch wie schauts mit Punkt 1 aus? Halten moderne Diesel immer noch so „ewig“, wie man es früher behauptet hat? Klare Frage, klare Antwort => Jein! Prinzipiell sind moderne Motoren für noch mehr Kilometer gut als Maschinen in unseren Young- und Oldtimern. Doch an der Umgebung happerts, wenns denn happert. Alte Diesel sind immer gelaufen, wenn man sie nicht grad ohne Öl fuhr. Moderne Commonrail-Monster arbeiten mit Einspritzdrücken von mehreren 1000 Bar, sind aufwendig Turbo-gedopt und filtern die Abgase mit Partikelfiltern samt automatischer Regeneration. Ein moderner Dieselmotor ist ein Hightech-Monument mit sauteuren Komponenten, die von vielen Steuergeräten und Sensoren synchronisiert und am Laufen gehalten werden. Als Neuwagen würd ich mir einen kaufen, kein Problem. Fahrzeug- und Mobilitätsgarantie sei Dank. Doch als Gebrauchtwagen handelt man sich mit einem der so beliebten Hightech-Diesel ein unkalkulierbares Risiko ein.

Geht die Hochdruck-Einspritzpumpe kaputt, verschmutzen Späne die Commonrail-Leitungen und zerstören die Injektoren. Reparaturkosten jenseits der 5000 Euro stehen dann am Zettel. Kommt gern vor, konkrete Beispiele liegen mir vor! Auch von fehlerhaften Injektoren, dadurch verursachten Löchern im Kolbenboden und Reparaturkosten in der Größenordnung eines schönen Gebrauchtwagens kann nicht erst ein DirectInjection-Fahrer erzählen. Daher mein Fazit zum modernen Dieselmotor: Klar kann man sie kaufen, im Idealfall jedoch als Neuwagen und mit voller Garantie. Gebraucht steigt das Risiko eines teuren Defekts mit der Modernität der Maschine überproportional an. Ein alternder Hightech-Diesel hat Unterhaltskosten eines Luxusautos, nur verdrängt der Großteil der Autofahrer diese Tatsache.

Thema Kurzstrecke. Egal ob man aus beruflichen Gründen (z.B. Ärzte) oder einfach nur aus Faulheit gerne kurze Strecken mit dem Auto fährt, mit modernen Dieselmotoren sollte man sich jede kurze Fahrt genau überlegen. Denn aus gutem Grund wechseln immer häufiger auch Taxifahrer auf Benzinmotoren, weil sich die Probleme mit chronisch verstopften und dauerhaft hysterisch regenerierenden Partikelfiltern häufen. Außendienstler mit Autobahn-Dauerkarte und sportliche Überlandpiloten werden davon nicht viel mitbekommen. Doch gemütliche Fahrer mit hohem Kurzstreckenanteil lassen besser die Finger davon.

Beim modernen Benziner ist die Welt leider auch nicht Schwarz-Weiß, aber keine Angst, ihr habt ja mich! Prinzipiell ist ein Saugbenziner in der heutigen Zeit haltbarer und unproblematischer als vergleichbare Diesel. Weniger Technik, weniger Risiko. Doch es wird dem kundigen Autokäufer immer schwerer gemacht, die haltbare Alternative zu wählen. BMW zum Beispiel bietet in der aktuellen Modellpalette nur noch in manchen Baureihen einen Saugbenziner an, die meisten Modellreihen sind bereits ausschließlich mit Turbobenziner oder Turbodiesel zu haben. Die Direkteinspritzung greift bei modernen Ottomotoren auch um sich wie früher nur die Pest. Damit zerrinnt der Low-Tech-Vorteil der Benziner wieder zwischen den Fingern. Teure Defekte an „downgesizeden“ und aufgeladenen Mini-Benzinern lassen den geringen Minderverbrauch im Vergleich zum ausgewachsenen Saugbenziner schnell vergessen.

Daher mein Rat ans autokaufwillige Paar: Beim Neuwagenkauf mit geplanter Haltdauer von 3 oder 5 Jahren spricht nichts gegen den Kauf eines modernen Dieselmotors oder eines Downsizing-Benziners. Relativ sparsam, flott und spritzig. Doch soll die Haltedauer überdurchschnittlich lange ausfallen oder geht sich lediglich ein Gebrauchtwagen aus, rate ich unbedingt zum Saugbenziner. Euer Bankkonto wird sich freuen!

Lukas

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Über Lukas

Ein Steirer, der gern lenkt und dabei denkt.
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4 Antworten zu Wenn das der alte Rudolf wüsste…

  1. Magnus Haensler schreibt:

    …das einzige, was hier massiv nervt [zumindest in Teutonien], ist die Frage: Wird Diesel auch morgen noch so besteuert sein wie heute? Hier hat politische Willkür vielen Kalkulationen einen massiven Strich durch die Rechnung gemacht – und das schon mehrfach in den letzten Jahren. Ärgerlich.

  2. Dennis Ka schreibt:

    ..ein sehr aufschlussreicher Artikel- Zusätzlich reagieren hochmoderne Diesel eventuell problematisch, weil bis zu 6,25% Biodiesel im herkömmlichen Diesel enthalten sind- beim Vorführ+ Gebrauchtwagen kann es sein, dass ein Vorbesitzer des KFZ mal aus Versehen einen Liter Benzin reingetankt hat- mehr als Ärgerlich, wenn dann die Spartechnik zum Kostenbumerang wird..

  3. turboseize schreibt:

    Auch Turbobenziner könnnen ewig halten, wenn sie angemessen gewartet und verständig gefahren werden. Gut, beides ist bei einem modernen Ge-/Verbrauchswagen eher nicht zu erwarten…Mehr dazu gleich.

    Kritisch sehe ich derzeit noch die Direkteinspritzung. Damit werden sich auch beim Benziner die Defektanfälligkeit und vor allem die Kosten für Folgeschäden drastisch erhöhen. Wo eine siffende Einspritzdüse beim Saugrohreinspritzer nur zu abgesoffenen Kerzen und Startschwierigkeiten führt (für ernste Folgeschäden im Zuge der Ölverdünnung müßte man das Problem lange ignorieren) brennt man sich damit beim Direkteinspritzer direkt ein Loch in den Kolben. Vielleicht gibt sich das aber noch, die ersten Einspritzanlagen bereiteten im Vergaserzeitalter ja auch noch große Sorgen und waren Grund für schwere Bedenken, heute dagegen gilt eine K- oder LH-jet oder eine frühe Motronic dagegen als absolut robust, zuverlässig und langlebig. 😉

    Überaus kritisch, völlig unabhängig vom Antriebskonzept sehe ich die aktuelle Wartungsphilosphie mit ihrem „longlife“-Wahnsinn. Longlife bestenfalls für die Ölfüllung, beim Motor eher nicht… Wartungsintervalle von 20-30.000 km können nicht gut gehen und tun das auch nicht, erst recht nicht, wenn man bei der Konstuktions ans Limit geht. Ölschlamm beim Kdf-Konzern (meine insolvente schwedische Lieblingsmarke hat sich da allerdings auch nicht mit Ruhm bekleckert), fertige Turbos allenthalben, gelängte oder gerissene Ketten in Wolfsburg oder München bei deutlich unter 100.000km…
    Ich bin mir ziemlich sicher, daß man sich das alles ersparen könnte, wenn man dem Wagen alle 10.000 einen Ölwechsel mit einem gescheiten Öl gönnen würde und sich nicht auf das Marketinggewäsch einließe. Genauso würden mit „Lebensdauerfüllung“ versehene Getriebe oder Differentiale oder „wartungsfreie“ Haldexsysteme mit einem gelegentlichen Flüssigkeitswechsel sicher deutlich länger halten als bis zum Ende des Garantiezeitraumes.

    Die Adjektive „wartungsfrei“ oder „wartungsarm“ scheinen mir mittlerweile gleichbedeutend mit dem Präfix „Wegwerf-„. Was gewartet werden kann und soll wird – Wartung vorausgesetzt! – auch halten. Was nicht gewartet werden kann dagegen soll/muß irgendwann ersetzt werden. Von dieser Erkenntnis geleitet habe ich auch meinen Barttrimmer ausgesucht: alle „wartungsfreien“, egal ob mit oder ohne Keramik- oder Titanklinge schieden aus, übrig blieb ein billiges, altes Grundigmodell, bei dem es zum Gerät noch einen Pinsel und ein Fläschen Öl dazu gab und Wechselklingen erhältlich sind… 😉

    Deinem sehr guten Artikel hätte vielleicht noch der Link zum „geplante-Obsoleszens“-Post gut getan. Ich denke, die Themen Haltbarkeit – Komplexität – eskalierende Reparaturkosten – Wartung sind doch recht eng verknüpft.

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