Ein Tag auf der Automeile

Wer ein neues Auto sucht, weil der bisherige treue Begleiter die Patschen gestreckt hat, hat zwei Möglichkeiten. Ein Autofreak hat meist schon ein Modell im Hinterkopf, sucht sich das für ihn bestgeeignetste Exemplar und gut ists. Wer sich nichts aus Autos macht, fährt zu einigen Händlern und lässt sich beraten. Damit gehen die Probleme aber meist erst richtig los…

Gestern war bei mir so ein Tag. Eine Freundin sucht einen Wagen. Im Idealfall mit Benzinmotor, höherer Sitzposition, Allrad wär nett, nicht zu groß und wenn möglich ein junger Gebrauchter. Klingt nicht so schwierig. Ich fungiere als fachkundiger Begleiter, denn vier Augen sehen mehr als zwei.

Ab zum ersten Händler, ein konkretes Modell im Auge. 2006er Toyota RAV4 mit 60.000km, preislich am oberen Rand angesiedelt, ein kleiner Markenhändler im Wiener Umland. Auf Nachfrage im Geschäft empängt uns die Seniorchefin, mit Betonung auf „Senior“, und geleitet uns zum Wagen. Die 70 Jahre Erfahrung im Autohandel merkt man ihr an, selbstverständlich wird die Delle in der Beifahrertür und im Seitenschweller repariert, wenn man den Wagen denn nehmen würde. Der mit Zigarettenasche und Reste eines Jausenbrots völlig verdreckte Innenraum wird auch noch gereinigt. „Mia saugn hoit aussa, wauns wuin!“. Löblich. Dass es sich beim Fahrzeug um eine Automatikversion handelt, im Inserat steht 5-Gang-Schalter, gibt dann den finalen Ausschlag für unseren Rückzug. Der alternativ angebotene 97er Twingo konnte uns auch nicht auf dem Hof halten.

Weiter zum benachbarten KIA-Händler. Den neuen Sportage gibts nur als Diesel vorrätig, Vorführwagen sowieso keine und ein Benziner für eine Probefahrt ist nicht in Aussicht. Aber da stünde ja das ideale Auto im Schauraum. Der KIA Venga in Dunkelgrau. Eine Gerontologie-Visitenkarte auf Rädern, mit Depressionsgarantie. Schnell weg. Schließlich gibts da ja noch den Skoda-Händler in der gleichen Straße.

Nach der freundlichen Begrüßung durch einen netten jungen Herren sticht uns der Skoda Yeti ins Auge. Wäre eine Option, nur die bekannten Probleme mit gerissenen Steuerketten und defekten Turboladern bei den TSI-Benzinern samt zahlreichen Motorschäden hemmt die Begeisterung. Auf die Thematik angesprochen, bricht beim Verkäufer offensichtlich die Panik aus. Er beginnt zu Stottern und unkontrolliert mit dem Kopf zu zucken, läuft rot an und faselt unkoordiniert blinzelnd etwas von Windrädern, Zulieferbetrieben und Turboventilen. Ein irres Erlebnis, verstörend und hochinteressant zugleich. Bloß weg.

Nachdem man uns beim angeschlossenen VW-Händler mit Nichtbeachtung bestraft und Audi in Sachen Sympathie akuten Nachholbedarf hat, gehts zu Citroen/Opel/Chevrolet, ein 2010er Daihatsu Terios hat unsere Aufmerksamkeit geweckt. Der zuständige Verkaufsberater wirkt wie eine Mischung aus Teddy Podgorsky und Hellmuth Karasek, man könnte ihn sich auch als Conférencier im Varieté vorstellen. Er zelebriert das Verkaufsgespräch, studiert die Akte des Autos wie ein Finanzbeamter die seines größten Schuldners und bringt uns schließlich doch noch zum Fahrzeug. Nachdem er voll Inbrunst den angeblich abschaltbaren Allrad des permanent vierradgetriebenen Terios erklärt und dabei immer wieder auf den Knopf der Traktionskontrolle drückt, starten wir zur Probefahrt. Vorsorglich, nicht dass er noch mehr Blödsinn erzählt.

Ein netter, kleiner Wagen, der Terios. Kultig, lustig, sympathisch. Sicherlich kein souveräner Langstreckengleiter, aber ein kleiner Flitzer, der sich im Stadtverkehr ebenso zuhause fühlt wie auf einem Waldweg. Das Angebot ist gut, der Wagen auch, kein Grund zur Klage.

Der darauf folgende Besuch beim Nissanhändler in der selben Ortschaft samt erfreulicher Probefahrt mit einem 2008er Qashqai verblasst neben den bisherigen Erlebnissen zum langweiligen Routinecheck. Freundlicher Verkäufer, gepflegtes Auto, nettes Gespräch. Unter normalen Umständen wäre das ein Verkaufsgespräch wie aus dem Bilderbuch. Für uns aber ganz schön langweilig. 😉

Lukas

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Über Lukas

Ein Steirer, der gern lenkt und dabei denkt.
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2 Antworten zu Ein Tag auf der Automeile

  1. Michael Tieber schreibt:

    VW Händler agieren grundsätzlich so, denke das gehört zur Verkaufsstrategie, deswegen sind sie ja auch unangefochtene Nummer 1 am Automarkt! 😉

  2. Youngtimer Garage schreibt:

    Die von dir gezeigten Autohändler „Jörg und Dragan“ treiben inzwischen weit häufiger ihr Unwesen bei RTL als in der Realität. Deren eigentlicher Hof ist an der Grenze zu Dormagen nur wenige km von der Youngtimer Garage entfernt.
    Mit Autoverkauf in der Welt abseits von Kamera- und Produktionsteam hat die Dokusoap aber wenig zu tun.

    Ähnlich verhält es sich mit der Frau Terracotta oder Pannacotta oder ähnlich, die jetzt wieder bei VOX Gebrauchte an- und verkauft. Nicht immer sollte man alles 1:1 glauben, wie es dann versendet wird. Jedenfalls sind deren Fahrzeuge auch gerade in Köln im Angebot: http://www.vox.de/cms/sendungen/biete-rostlaube.html

    Man könnte fast meinen, hier würde mehr über den Handel mit Autos gefilmt als tatsächlich passiert.

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