Silberrücken on the Road

Mittlerweile zählt er sie nicht mehr, die grauen Haare. Seine zweite Frau, die er beim Bewerbungsgespräch kennengelernt hat, als er eine neue Sekretärin suchte, findet graue Haare sexy. Das tröstet ihn ein wenig. Spät ist es, der Tag im Büro war wieder anstrengend und fordernd. Meetings mit Menschen, die man nicht mag. Telefonate, die sich immer um die gleichen Themen drehen. Er kann gut schauspielern, das macht ihn erfolgreich. Eigene Firma, locker fünfstelliges Monatseinkommen. Das große Haus in bester Lage gehört schon lange nicht mehr der Bank, sein Audi A7 schon. Geleast natürlich, läuft ja als Firmenwagen.

Ab nach Hause, einmal quer durch die Stadt. Meistens zweimal täglich, meistens zur Hauptverkehrszeit. Nervig. All diese x-beinigen Wohnungsmieter mit ihren alten, verbeulten Kisten sorgen dafür, dass er seine kostbare Zeit im Stau verbringen muss. Zeit ist Geld, aber das verstehen diese faulen Versager nicht. Sozialhilfe gibts immer, egal ob man im Stau steht oder nicht. Er aber muss arbeiten für sein Geld. Kann nicht um Punkt 17 Uhr das Büro verlassen. Und dann kommt ihm wiedermal so ein Verlierer in einer alten Kiste in die Quere, fährt zögerlich mit 45. Ja was glaubt der denn, wo seine armseligen 1000 Euro Aufwandsentschädigung herkommen, die er bei der Müllabfuhr oder auf der Baustelle bekommt!? Von Leuten wie ihm! Er fährt wie so oft sehr knapp auf, mit dem Selbstverständnis eines gestressen Leistungsträgers.

Der Tag im Büro war stressig, der Erfolgsdruck lastet auf seinen Schultern. „Jetzt hau doch endlich ab da vorne, du Prolet!“. Lichthupe, Überholmanöver. Schließlich lässt er sich nicht ärgern, von jungen Männern schon gar nicht. Die sollen einmal was leisten, wenn sie ernstgenommen werden wollen. Nur noch ein paar hundert Meter, noch einmal ordentlich durchbeschleunigen, schnell noch am Linienbus vorbei. Gas. Im Augenwinkel erkennt er einen Schatten, der vor dem Bus auf die Stra…

L

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Über Lukas

Ein Steirer, der gern lenkt und dabei denkt.
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3 Antworten zu Silberrücken on the Road

  1. M. Schrat schreibt:

    Sie haben leider so sehr recht. Und viel zu selten hat einer von uns so wenig zu verlieren, dass der dem Laffen in seinem Protzhobel die Leviten mit dem Bordwerkzeugsatz liest.
    Es ist ein Maß an asozialem Verhalten in den gehobenen Mittelschichten, dass es einem graust.

  2. Pingback: Bescheidenheit ist eine Zier… | The way of drive...

  3. Pingback: Kennen wir uns nicht? | The way of drive...

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