Verlebt müssen sie sein…

… meine automobilen Gefährten. Das wisst ihr ja bereits. Doch woran liegt das und was macht diese Spuren der Jahre so interessant? Ist es das Wissen, der wahrscheinlich letzte Besitzer eines Wagens zu sein, bevor er in die ewigen Jagdgründe eingeht? Sind es die Spuren vergangener Zeiten, die meine Phantasie anregen?

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Genauso wie Falten im Gesicht eines Menschen von freudigen wie traurigen Erlebnissen, Entbehrungen und Glücksmomenten erzählen, erzählt mir die Patina eines Autos von seinem „Leben“. Die Stoßstange des Tercel, vor fast genau zwei Jahren in Wien fotografiert, erzählt von fast 30 Jahren Kontaktparken, die nachlackierte Fahrertür ohne aufgeklebtes Dekor von einem Unfall und vom schlampigen Besitzer, dem es egal war, ob auf der hinteren Türe das Dekor klebt, auf der lackiertes vorderen Tür aber nicht. Die fehlende Stoßstangenecke in Kooperation mit dem defekten Standlicht dürften wohl die Überbleibsel eines kleinen Remplers sein, der so typisch für die Großstadt ist wie Vogelsch*ss am Auto.

Doch besonders interessant für mich wird es, wenn man ehemals teuren Autos Besitzerwechsel und sozialen Abstieg bis hin zum Lebensabend als Laternenparker ansieht. Besonders betagte Mercedes-Benz und alte Amis können ihn gut, den Gebrauchtwagen-Blues.

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Gerissene Holzverkleidungen, speckige Ledersitze, abgebrochene Sterne, längst verloren gegangene Radkappen, Rostnarben und Parkdellen. Der Stolz des Erstbesitzers bei der Abholung ist noch zu erahnen, längst überwiegt jedoch die Furcht vor dem nächsten Pickerl-Termin. Vom Neid der Nachbarn ist schon lange nichts mehr übrig. Und doch hält jemand der alten Kiste die Treue. Repariert und schweißt sie übers Pickerl, investiert in einen Liter Nachfüllöl oder zumindest zwei neue Reifen. Runderneuert, versteht sich. Ich freu mich über jeden Survivor im Straßenbild, auch weil es für mich ein Statement gegen Abwrackwahnsinn und Geplante Obsoleszenz ist!

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Mein S80 ist charmant. Nicht weil er groß und hellblau ist, sondern weil er gelebt hat. Das macht ihn für mich interessant. Jeden Tag gibts einen neuen, von ehemaligen Besitzern liebevoll ausgetupften Lackschaden zu entdecken. Der gut sichtbar gescheiterte Versuch, vor langer Zeit den Stoffbezug der A-Säule wieder festzukleben, zaubert mir bei jeder Fahrt ein Schmunzeln ins Gesicht. Und dass die Kiste wohl öfters unter einer Birke geparkt hat. Zu erkennen, sobald man den Kofferraumdeckel öffnet und in die Ritzen rund um die Heckscheibe blickt.

Ich sag´s ja, verlebt müssen sie sein… Denn ein steriler Neuwagen spricht nicht mit mir.

Lukas

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Über Lukas

Ein Steirer, der gern lenkt und dabei denkt.
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