Tempora mutantur

Wenn alte Menschen drüber jammern, dass ihnen nichts passt, dann liegt es meistens an einer Tatsache.  Die gewohnte Welt, in der sie stets gelebt haben, gibt es so nicht mehr. Tempora mutantur. Die Gegenwart ist nicht mehr ihre Welt, sie finden sich darin nicht mehr zurecht. So geht es auch alten Autos.

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Ich bin ein erklärter Freund von Young- und Oldtimern, plädiere stets für regelmäßige Bewegung und schonenden Alltagsbetrieb zumindest zwischen Mai und Oktober. Doch wenn man das dann macht, sich mit dem 30 Jahre oder älteren Auto einfach ins den modernen Straßenverkehr stürzt, fühlt man sich an das Jammern alter Leute erinnert.

Der Youngtimer hat zwar, guter Zustand vorausgesetzt, immer noch die Qualitäten von früher, nur das Umfeld hat sich stark geändert.

Thema Licht. Die 80er Jahre müssen finster gewesen sein, denn das Abblendlicht war es auch. Hat aber gereicht, schließlich waren alle auf dem selben Niveau. Wer heute, in Zeiten von Bi-Xenon und LED, bei Dunkelheit und Regen mit einem Youngtimer unterwegs ist, wird bei Gegenverkehr so gut wie gar nichts sehen. Wenn die Xenonbrenner dann noch hoch auf einem SUV montiert sind, ist endgültig Schluss mit Durchblick. Ein Sicherheitsnachteil, an dem die neuen Zeiten schuld sind.

Thema Crash-Sicherheit. Ein altes Auto wird per se mit den Jahren nicht unsicherer als es früher war, gute Blechsubstanz vorausgesetzt. Im modernen Verkehr aber schon. Weil die neuen Autos, von denen der Youngtimer umgeben ist, einfach immer sicherer und steifer wurden. Früher traf der Youngtimer auf seinesgleichen. Chancengleichstand. Heute trifft er auf einen EuroNCAP-optimierten Neuwagen. Mit ungleich fataleren Konsequenzen für den Youngtimer-Fahrer.

Thema Rücksichtnahme. Ein altes Auto ist technisch nicht dazu in der Lage, mit dem heutigen Verkehrsgeschehen unter allen Bedingungen mitzuhalten. Bei kaltem Wetter bockt der per Choke am Leben erhaltene Motor an der Kreuzung. Oder wegen fehlenden ESPs und weichem Fahrwerk mit schmaler Spur muss deutlich vorsichtiger gefahren werden. Alles Gründe, die sich Neuwagenfahrern aber nicht erschließen. Unverständnis und aggressives Verhalten sind die Folge.

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Es macht viel Freude, alte Autos im Alltag zu fahren, aber ich muss es ehrlicherweise nicht oft haben. Denn so schön Ausfahrten mit dem Youngtimer auch sind, so beruhigend ist es doch, dem täglichen Kleinkrieg Straßenverkehr mit relativer Chancengleichheit entgegenzutreten.

Lukas

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Über Lukas

Ein Steirer, der gern lenkt und dabei denkt.
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Eine Antwort zu Tempora mutantur

  1. turboseize schreibt:

    Da scheint es aber doch deutliche Unterschiede zwischen den Autos zu geben, die Du zu fahren pflegst und die ich fahre…

    Mit den Saabs stehen mir alle Nasen lang andere Verkehrsteilnehmer im Weg rum. Jedenfalls, sobald die Straße kurviger wird. Aber auch mit den w123 war ich im Regelfall trotz deutlicher Minderleistung immer recht zügig unterwegs. wegen mangelnder Kurvengeschwindigkeiten hab ich jedenfalls noch niemanden aufgehalten 🙂

    Es stimmt allerdings, daß man mit Alteisen anders fährt. Nicht notwendgerweis elangsamer, aber anders. Ich hab kein Problem damit, auf trockener Straße die Kuh mal fliegen zu lassen, aber sobald es feucht wird nimmt man im fahrhilfenelektroniklosen Altmetall den Fuß doch deutlich eher vom Gas. Und generell hält man deutlich mehr Abstand und fährt – auch wenn man durchuas züfig unterwegs sein kann – viel vorausschauender, denn mit der Bremsperformance eines modernen Autos kann man nicht mithalten. Die 195er Reifen des 900 turbo galten Anfang der 80er als supersportliche Breitreifen. Eine heutige Sportlimousine hat doppelt so breite Reifen… klar, daß die ganz andere Kräfte übertragen können.

    Und schleßlich erfährt man das Fahren ja viel unmittelbarer und deutlicher. Es würde mir nie in den Sinn kommen, wie so mancher Dienstwagenpilot mit Minimalstabstand und ohne Sicht auf der Autobahn durch Wasserwände zu preschen – der muß doch merken, daß das eigentlich nicht gehen kann? Wenn mir meine schmalen 195er Michelins mit vollem Profil bei 120km/h aufschwimmen und ich mich deshalb gezwungen sehe auf 90 runterzugehen, dann muß der Typ bei 140+ das doch auch mitkriegen? Dem Wasserkeil unter dem Reifen ist doch völlig egal, wieviel Elektronik dadrüber noch dranhängt, den interessiert nur die Profiltiefe. Aber wahrscheinlich ist man im Neuwagen vom Fahren so entkoppelt, daß man gar nicht mehr merkt daß einen nur noch das ESP mit dem letzten Quadratmillimeterchen Kontaktfläche zwischen Reifen und der Straße auf selbiger hält.

    Was mir ebenfalls oft aufgefallen ist wie unterschiedlich mit verschiedenen Autos auf der Straße umgegangen wird.
    Bist Du mit dem 900 oder 9000 schnell auf der Autobahn unterwegs zieht Dir IMMER irgendein Depp direkt raus vors Auto. Im Benz nicht… Der 560er bzw die 126er-S-Klasse allgemein hatte immernoch ein gewaltiges Überholprestige, aber zu meiner Verwunderung wurde selbst bei den w123 brav rechts gewartet. Offensichtlich wird Mercedes mit „teuer und schnell“ assoziiert (bei den Saugdieseln ein guter Witz), während die Saabgesichter als „olle Karre, ist bestimmt ganz langsam“ interpretiert wird, auch wenn die beiden Saabturbos gute 100km/h schneller laufen als der kleine Mercedesdiesel.

    Stadtverkehrsdurchsetzungsvermögen hat allerdings dat Schneewittchen am meisten. Immer dreckig, mit Macken, Dellen, Rostspuren (sieht auf weiß besonders fies aus) und den dicken Stoßstangen macht das Ding anderen Verkehrsteilnehmern offensichtlich Angst. Wenn Du damit innerstädtisch zum Spurwechsel blinkst ist komischerweise immer frei. 🙂
    Der 9000 dagegen ist dafür offensichtlich optisch zu brav und zu unscheinbar, der wird andauernd übersehen oder ignoriert.

    Ein Freund berichtete mir davon, daß das auf-der-Autobahn-beim-Spurwechsel-vor-die-Karre fahren drastisch zurückgegangen sei, nachdem er seinem braven kleinen 99 mit niedlichen 100-Vergaser-PS eine Zusatzscheinwerferbatterie spendiert hatte.

    Schlußfolgerung: Deine Japaner sind optisch einfach zu zurückhaltend und zu brav. Sei böse! (Oder sieh zumindest zu so aus.)

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