Einfach wäre fad

Da draußen gibt es Menschen, die ganz bewusst alte Geländewagen kaufen und ihnen dann aus Überzeugung die Treue halten. Nicht, weil es finanziell notwendig ist. Es ist vielmehr eine Lebenseinstellung. Aber was tun, wenn sich die Lebenssituation ändert oder das Auto sich dafür entscheidet, den Dienst einzustellen?

So geschehen bei einem treuen Leser dieses Blogs, der nun um meine Hilfe bittet.

Sein altbewährter Geländegänger aus den 1990er Jahren, bekannt für seine Zuverlässigkeit, ist nach nicht gerade einfachen 350.000km einfach müde. In der vorhandenen Elektronik ist der Wurm drin, längere Standzeiten quittiert er auch mit mechanischen Defekten. Wer rastet, der rostet. Wer sich aber nur abgerackert hat, ist auch irgendwann am Ende. Also soll was Neues her. Bloß: Was kaufen? Vor allem dann, wenn die finanziellen Mittel begrenzt sind, das perfekte Auto namens Toyota HZJ7 also nicht erreichbar ist?

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Der alten Kiste weiterhin die Treue halten?

  • Schwierig. Klar sind in den letzten Jahren viel Geld und Neuteile in den treuen Begleiter geflossen, die gemeinsam erlebten Kilometer haben Mensch und Maschine zusammen geschweißt. Da wäre es die logische Konsequenz, den Wagen noch einmal durch zu reparieren. Das Problem dabei: Die Zahl der Baustellen nimmt mit dem Alter und dem Kilometerstand zu, da kann es sich um ein noch so gutes Auto handeln. Verschleißerscheinungen an Mechanik und Elektronik fallen immer schwerer ins Gewicht und wenn man sich auf sein Auto nicht mehr verlassen kann, ist das suboptimal. Gerade in Anbetracht des „Baby fährt mit“-Aufklebers am Heck. Bei den Dakota-Indianern gibt es ein treffendes Sprichwort: „Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab!“

Oder doch einen neuen Alten kaufen?

  • Um bis zu 15.000€ müsste es schon nette Kandidaten geben, oder? Ein kurzer Blick in die hiesigen Gebrauchtwagenbörsen fällt aber ernüchternd aus. Einige Pajero V60 gibt es ja. Aber alle über 10 Jahre alt und alle von mehr oder weniger („Tacho getauscht“, „Motor neu aber ohne Rechnung“, „Fahrzeug aus Rumänien“) seriösen Anbietern. Kann man sowas kaufen? Können schon… Das Problem dabei: Der Pajero V60 ist ein technisch komplexes Luxusauto. Neu teuer, im Unterhalt immer noch was für Besserverdiener. Reparaturkosten von einigen Tausend Euro jährlich sind normal, dürfen nicht schrecken. Und natürlich gibt´s auch im V60 schon ein CAN-Bus-System und damit eine recht komplexe Elektronik. Mit allen damit verbundenen Problemchen, die das Leben im höheren Fahrzeugalter nicht gerade vereinfachen. V60
  • Ein paar Land Cruiser Prado J12 gibts natürlich auch. Schon schöne Autos, sicherlich eine Überlegung wert. Aber leider gilt auch hier genau das Gleiche wie beim V60. Ein teures Auto mit teurem Unterhalt, teuren Reparaturen und komplexer Elektronik, die mit zunehmendem Alter nicht frei von Problemen ist. Dazu kommt, dass es um unter 15.000€ leider nur mindestens 12 Jahre alte Cruiser mit entsprechend ereignisreicher Vorgeschichte gibt. Prado

Daher gilt meiner Ansicht nach für den LC J12 genau wie für den Pajero V60: Klar sind die Dinger kaufbar! Für Leute wie mich etwa, die ihr Alltagsauto zwei Jahre fahren und dann wechseln. Puristen aber, die möglichst lange ohne Probleme damit fahren wollen, würde ich davon abraten. Zuviel drin, zuviel dran. Bei der Option, sich einen alternden Luxusliner hinzustellen und die nächsten paar Jahre zu genießen, sind teure Reparaturen als Kollateralschäden im Paket mit drin. Denn die Verkäufer, die ihre Autos jetzt inserieren, waren die, die damit jahrelang problemlos gefahren sind. Und jetzt wird verkauft, weil sich Defekte zu häufen beginnen. Niemand verkauft seinen Geländewagen, weil er so grandios läuft und nie was kaputt ist! Will man auch einer von denen sein, sollte man jetzt einen 2 oder 3 Jahre alten Wagen kaufen.

Zwei Alternativen gibt es noch, die man zumindest andenken sollte.

  • Downgrading: Wer möglichst lange halbwegs sorgenfrei Offroader fahren will, muss zum Alten zurück kehren. Weg vom 20 Jahre geltenden Standard der elektronischen Motorsteuerung, der CAN-Bus-Systeme, der Bordcomputer und dem Sensor-Overload. Hin zum wirklich analogen Fahren. Sich verbessern durch den Griff zum noch Älteren. Das werden Neuwagenkäufer jetzt nicht verstehen. 😉 Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Ein mit neuen Verschleißteilen durchreparierter und rostmäßig schöner Toyota HiLux LN65 aus Mitte der 1980er Jahre ist mit Sicherheit die bessere Wahl für Enthusiasten, die selbst schrauben können und ihrem Auto möglichst lange die Treue halten wollen als ein 10 Jahre alter LC J12 D4D Executive. Gerade dann, wenn ein PKW als Option für Langstrecken mit Zeitdruck zur Verfügung steht. toyota_hilux_double_cab_srKlar ist so ein 80er-Jahre-Geländewagen lahmer, lauter, unbequemer, unsicherer und auch sonst einfach mehr Traktor als PKW, aber unter dem Gesichtspunkt des einfachen Über-die-Jahre-bringens und der allgemeinen Schrauberfreundlichkeit sicherlich erste Wahl.
  • Neukaufing: Womit wir wieder beim Toyota HZJ7 wären. Garantiert das richtige Auto für all jene, die ihrem Auto so lange wie nur möglich die Treue halten wollen. Weil Elektrik und Technik auf dem Stand der 1980er Jahre sind. Die gerade als das Jahrzehnt der unproblematischsten Fahrzeugtechnik in die Geschichte eingehen. Das Problem beim HZJ7 ist immer der Preis. Neu muss er einem hierzulande 55.000€ wert sein, gute Gebraucht-Exemplare kommen immer noch auf über 30.000€. toyota_land_cruiser_70_1Oder einfach zum Mitsubishi-Händler gehen und dort bei einem neuen Pajero Wagon Austria Edition 35 zuschlagen. Ist neu, ist lang, ist günstig. Wo bekommt man sonst einen neuen Full-Size-Geländewagen für weniger als 35.000€? Aber schnell sein, die Fünftürer sind schneller ausverkauft als die Dreitürer.

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Conclusio:

Die Idealvorstellung, günstig einen in die Jahre gekommenen Geländewagen zu kaufen und dann problemlos ohne nennenswerte Reparaturen viele Jahre zu fahren, erfüllt sich meist nicht. Gerade Geländewagen werden aus gutem Grund verkauft. Schließlich hat bei einem Nutzgegenstand niemand etwas zu verschenken. Der Kauf eines Gebraucht-Offroaders ist immer wie der Kauf einer Wundertüte, mit zahlreichen Rechnungen inside. Wer wirklich lange Ruhe haben will, muss entweder neu kaufen oder ein möglichst einfaches (d.h. Steuergeräte-freies) Fahrzeug einmal komplett durchreparieren. Beides nicht gerade billig. Aber am ehesten zielführend.

Lukas

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Über Lukas

Ein Steirer, der gern lenkt und dabei denkt.
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Eine Antwort zu Einfach wäre fad

  1. turboseize schreibt:

    Durchreparieren ist (fast) immer die bessere Wahl. Für den Wertverlust, den ein Neuwagen mit sich brächte kann man den alten Wagen einige Jahre lang jeden Monat in die Werkstatt bringen, und ein Gebrauchtwagen bringt auch immer einen Wartungsstau mit sich, den es erstmal zu finden und dann zu beheben gilt. Autos werden ja in der Regel deshalb verkauft, weil der Besitzer entweder ob der Reparaturen und Defekte die Nerven verloren hat oder weil er so etwas befürchtet – so Bekloppte wie wir, die gute Autos abgeben, weil sie Langweile bekommen und sich etwas neues kaufen wollen sind ja doch eher selten. Es ist also davon auszugehen, daß man einen Gebrauchtwagen, in den man schon etwas hineingesteckt hat, nicht zum Marktpreis mit etwas Gleichwertigem substituieren kann (vgl Akerlof, George Arthur: the market for lemons).
    Neuwagen verbieten sich ob der Kosten von selber. Es bleibt dem rationalen Autofahrer also nichts anderes, als den „Marktwert“ zu ignorieren und das vorhandene Fahrzeug so lange wie möglich auf der Straße zu halten.

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