Die Last der Verantwortung

Das Leben ist unfair. Soweit, so bekannt. Und auch zu einem Altauto-Freak kann es ganz schön gemein sein. Vor allem dann, wenn er auf „das falsche Auto“ steht.

Denn da gibt es „die Klassiker„. Das sind meist europäische oder US-amerikanische Mainstream-Autos, die regelmäßig in sämtlichen Oldtimer-Zeitschriften vorkommen. Über die es Bücher und Bildbände gibt. Um die sich Clubs und IGs kümmern. Für die Teile nachgefertigt und von spezialisierten Händlern vertrieben werden. Von denen eigentlich immer zahlreiche Exemplare restauriert und auch gehandelt werden.

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Und dann gibt es „die Underdogs„. Das sind meist japanische Autos, die still und leise verschwinden. Die so gut wie nie in Zeitschriften vorkommen. Über die es keine Bücher gibt. Um die sich keine Clubs oder IGs kümmern. Die keine Teileindustrie mit Nachfertigungen im Hintergrund haben. Und von denen nicht regelmäßig mehrere schöne Exemplare zum Verkauf stehen.

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Als Liebhaber eines solchen Außenseiters bist du meist allein auf weiter Flur. Und hast es damit deutlich schwerer, denn auf dir lastet eine große Verantwortung:

  • Du musst dein eigener Teilehändler sein. Sobald es offiziell nichts mehr gibt, musst du dir Schlachtautos oder Gebrauchtteile besorgen und in den Keller legen. Du kannst dich nicht auf „werk34.de“ oder die „Mobile Tradition“ verlassen. Eigeninitiative ist gefragt. Und da du nicht für vier verschiedene Modelle von vier unterschiedlichen Marken Teile lagern kannst, musst du dich gezwungenermaßen auf ein Modell spezialisieren.
  • Die automobile Abwechslung bleibt dabei natürlich meist auf der Strecke. Da es nicht beliebig viele gute Autos gibt, kannst du nicht nach Lust und Laune mal das eine verkaufen, dir eine andere Version holen oder nach einer Hobby-Pause wieder einsteigen. Was du verkaufst, ist weg. Und höchstwahrscheinlich bekommst du ein vergleichbares Fahrzeug nie mehr wieder. Damit ist auf der Bodenplatte „Auf ewig dein“ eingraviert.
  • Du bleibst meist allein. Egal ob man jetzt Vereinsmeier oder Eigenbrötler ist, es wäre in manchen Fällen schon schön, wenn man eine IG als Fangnetz im Hintergrund hätte. In der Teile gebunkert und gehandelt werden, die Kontakt zum Hersteller hält oder die Nachfertigungen seltener Trümmer in Auftrag gibt. Und manches Mal, da braucht der Mensch auch das Gefühl, wo dazu zu gehören. Mit Brüdern im Geiste, die das gleiche Auto fahren, zu Treffen gurken. Das wär´s…
  • Einzelkämpfer sein ist teuer. Gut, Ersatzteile kosten auch bei den etablierten Klassikern Geld. aber die machen zumindest einen Teil des finanziellen Aufwands mit Wertsteigerung wieder wett. Der automobile Underdog meist nicht. Denn wo kein Markt, da keine Wertsteigerung. Das notwendige Teilelager ist auch ein großer Punkt auf der Rechnung. Weil du ja nicht nur die Teile kaufen kannst, die du akut brauchst, sondern alle kaufen musst, die du noch bekommst.
  • Du bist im Endeffekt drei Personen in einem. Du bist der Autofreak, der das Ding fährt, weil es ihm taugt. Du bist aber auch der Bewahrer, der sich bemühen muss, das Ding für die Nachwelt zu erhalten. Weil es ja sonst niemand tut. Und du bist der Modellkenner. Weil du dir gezwungenermaßen alles Know-How selbst aneignen musst, um die Kiste am Laufen zu halten.

Der 911-Freak mit geheimer Vorliebe für den Triumph TR6 oder der W126-Genießer mit einem 2CV als Stadtauto hat´s da einfach. Er kann beim Kauf gustieren, kann sich auf einen ganze Teile-Industrie und eine riesige Clublandschaft im Hintergrund verlassen.

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Foto: Dresdner Klassiker Handel http://klassiker-handel.de/

Und kann auch einmal das Fahrzeug oder die Marke wechseln. Weil es alle Mainstream-Klassiker jederzeit beim Händler zu kaufen gibt und weil eben kein Rattenschwanz an Verpflichtungen und kein privates Teilelager dran hängt.

Die Außenseiter aber schultern die Last der Verantwortung für ein Modell oftmals ganz alleine. Ich finde, es wäre gerade von Seiten der großen deutschen Oldtimer-Magazine endlich einmal an der Zeit, diesen wahren Helden der Szene den Respekt zu zollen, den sie verdient haben. Und nicht die zehnte 911-Coverstory und den fünften Mercedes-Benz-Kaufratgeber im Quartal zu veröffentlichen. Das würde das Leben zumindest ein wenig fairer machen.

Lukas

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Über Lukas

Ein Steirer, der gern lenkt und dabei denkt.
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Eine Antwort zu Die Last der Verantwortung

  1. Rainer Adam schreibt:

    Hey das bin ja ich, war so ziemlich das erste das mir durch den Kopf ging beim durchlesen.

    Wenn wir aber ein praktisches Beispiel zu Grunde legen wird schnell klar was wirklich teurer ist. WENN du einen Kotflügel für einen Daihatsu Charade G10 bekommst (was nicht wirklich leicht ist denn ab Werk gibts eh nix) dann kostet dich der Spass maxiamal 50 Euro beim vergleichbaren 911er sind wir da dann schon bei >200 Euro aber du kannst es dir dafür aussuchen lassen wo du es kaufen willst.

    Generell bin ich der Meinung dass GERADE die Unterhaltskosten für so ein „Brot und Butter Auto“ DEUTLICH geringer sind, logisch, hat ja auch keine >200 PS

    Ich finde es nicht gemein, denn ich hab so ein Auto das sonst keiner hat. und ein gleicher wie meiner den findest du sowieso nicht zum kaufen irgendwo, so wie du sagst… 🙂

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