Der Elektro-Hipster

Die Fahrgastzelle samt Dach komplett aus Carbon. Türen, Kotflügel und Motorhaube aus thermoplastischen Elastomeren. Armaturenbrett und Türverkleidungen aus Hanffasern. Klingt nach einem Hipster-Mobil? Sieht auch so aus:

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Schön ist was anderes. Aber das soll der BMW i3 eDrive 94Ah auch gar nicht sein. Das 2013 präsentierte Elektroauto von BMWs Sub-Marke „i“ muss zwischen all den gewöhnlichen Autos auffallen. Und das gelingt. Passanten verdrehen auch drei Jahre nach Markteinführung noch die Köpfe, das Ding polarisiert mächtig. Mir gefällt er nicht, aber man sieht ihn eh nicht von außen, wenn man fährt. Also los – Abfahrt!

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Mehr an Armaturen gibt´s nicht

Lenkradwählhebel auf D und es passiert – gar nichts. Kein Kriechen der Automatik, keine Geräusche. Nur Robert Palmer mit „Addicted to Love“ im Radio.  Auch schön. Beim Tritt aufs Gas setzt er sich dann aber doch in Bewegung, der kleine Schei*er. Und wie. Vollgas wird nach einer kurzen Gedenksekunde mit vehementem Vortrieb quittiert. Schon nach 7,3 Sekunden liegt Tempo 100 an, die 170 PS legen sich ordentlich ins Zeug. Das Ding soll nur 250 Nm Drehmoment haben? Jeder Tritt aufs Gaspedal lässt eher 520 Nm vermuten, so bärig schiebt er an. Mit Vollgas bergauf gibt´s beim Überfahren feuchter Kanaldeckel sogar bei über 90 km/h noch Wheelspin an der Hinterachse!

Nur für die Reichweite sind solche Tempobolzereien natürlich Gift. Ein paar Mal mit Vollgas durchbeschleunigen lässt die Zahl im Display rechts unten schnell kleiner werden. Also lieber brav cruisen und immer schön rollen lassen.

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Denkste! Denn wer vom Gas geht und den i3 einfach rollen lässt, steht schneller, als ihm lieb ist. Das Ding rekuperiert nämlich, sobald kein Gas mehr gegeben wird. Und zwar so stark, dass die Bremslichter angehen und der Wagen merklich bremst. So gelingt es, zumindest ein wenig Energie zurück in die Akkus zu bringen.

Für mich die größte Umstellung von einem herkömmlichen PKW. Früh vom Gas gehen vor Ampeln ist Tabu. Wer nicht konstant Gas gibt, bleibt stehen. Motorboot-Kapitäne fühlen sich da schnell zu Hause. Mit knapp 200 Kilometer Reichweite dank größerem Akku reicht der Bewegungsradius aber für die meisten Fahrten aus. Auch ohne die Möglichkeit, ihn ausrollen lassen zu können.

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Nach der Probefahrt noch ein Blick auf das Interieur. Puristisch ist er. Zwei Bildschirme, die Klimatisierung noch mit althergebrachten Knöpfchen (Gott sei Dank!), viel mehr gibts nicht. Klar, das iDrive-Bedienkonzept ist wie bei den anderen BMWs auch erste Klasse, die dünn bepolsterten Leichtbausitze überraschend bequem, die Verarbeitung macht einen guten Eindruck. Lediglich das viele Hartplastik zwischen all den originellen Naturfasern stört den Ästheten.

Ein lustiges kleines Kerlchen, der BMW i3. Als Zweitwagen für Kurz- und Mittelstrecken sicherlich ausreichend kompetent, für größere Aufgaben aber mangels Platz und Reichweite nicht erste Wahl. Und mit über 40.000 Euro auch noch ordentlich teuer. Mit diesem Batzen Geld würd´ ich mir ganz andere Autos kaufen. Aber ich bin ja auch kein  betont urbaner Hipster… 😉

Lukas

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Über Lukas

Ein Steirer, der gern lenkt und dabei denkt.
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3 Antworten zu Der Elektro-Hipster

  1. KS schreibt:

    Hi Lukas,

    ob die Zwangsrekuperation besser ist als einfach rollen lassen? Immerhin entstehen da ja starke Umwandlungsverluste. Gabs bei anderen Herstellern nicht schon eine Wahl für die Rekuperationsstärke? Auch wäre mal interessant, wie sich der Primärenergieeinsatz bei der Herstellung eines Elektroautos zu dem eines Verbrenners verhält, und wann der Stromer das wieder reinfährt.

    Vielen Dank für den neutralen Blick ohne die übliche rosarote Ökobrille.

    Viele Grüsse
    KS

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