Was ist eigentlich ein „Klassisches Automobil“?

Winterzeit ist Lesezeit. Vor der Garage fährt der Salzstreuer Extrarunden, die alte Kiste steht im Trockenen und wartet darauf, sich im Frühling wieder den Staub aus dem Endrohr blasen zu dürfen. Und was macht der Fahrer der verhätschelten Gurke? Genau, er blättert in Oldtimerzeitschriften:

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Beim Studium des Anzeigenteils fallen dann, besonders in der elitären „Motor Klassik“, die unzähligen Händler auf, die sich beinahe ausnahmslos den „Handel mit klassischen Automobilen“ auf die Fahnen schreiben. Alternativ auch „Premium & Classic Cars“ oder einfach nur „XXX Klassik“. In deren Angebot finden sich primär Elfer von den 1960ern bis in die 1990er, ein paar Ferrari, etliche Mercedes-Benz SL, Jaguar und Aston Martin.

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Schön und gut, nur was ist denn jetzt wirklich ein „Klassisches Automobil“? Versteht man unter einem „Klassiker“ nur elitäre Sportwagen und Limousinen um sechs- oder siebenstellige Beträge?

Für Händler ist ein „Klassisches Automobil“ teuer und exklusiv. Ein Ford Granada oder ein Fiat 127 fällt da raus, auch weil die Marge beim Verkauf zu klein ausfällt. Bei einem Porsche 911 S oder einem Jaguar XK 120 ist einfach mehr Gewinn drin.

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Neben Ikonen wie dem Lamborghini Miura gelten aber auch Allerweltsautos wie der VW Käfer oder der BMW 3er E30 als „Klassiker“. Es kann also nicht nur die Exklusivität und das Preisschild mit vielen Nullen sein, das ein bestimmtes Modell in den Klassiker-Olymp hebt…

Was also macht für bodenständige Auto-Freaks einen „Klassiker“ aus? Nach einiger Recherche und zahlreichen Gesprächen mit Gleichgesinnten liest sich die Liste der Anforderungen wie folgt:

  1. Ein Klassiker muss in den Köpfen und den Herzen der Bevölkerung verankert sein. Entweder durch große Begehrlichkeiten ab der Erstzulassung, siehe Sportwagen und Luxuskarossen, oder weil fast jeder damit Geschichten und Erinnerungen verbindet. Das etwa macht einen VW Bus T1/2/3 zum Klassiker, einen Ford Transit oder einen Nissan Vanette jedoch nicht.
  2. Ein Klassiker muss ein besonderes Fahrgefühl bieten. Der Vierzylinder-Kombi, mit dem man tagtäglich zur Arbeit gurkt, mag zwar ein Held des Alltags sein, geliebt wird er aber nicht. Zum Klassiker wird das Cabrio, das nur zu den Sonnenseiten des Lebens aus der Garage kommt. Der Achtzylinder, der im Sommer zu Treffen blubbern darf. Oder das Coupe, das man stundenlang einfach nur anschauen möchte. Siehe Peugeot 504. Limo und Kombi sind nur „alte Autos“, werden sogar immer noch exportiert. Coupe und Cabrio aber gelten als Klassiker.
  3. Ein Klassiker muss in der Szene verankert sein. Die Weichen dazu werden im Gebrauchtwagenalter (15 – 20 Jahre) gestellt. Verschwindet ein Modell in dieser Phase in der Versenkung und stirbt leise aus, wird draus auch kein Klassiker. Formieren sich aber Clubs, Spezialwerkstätten und Ersatzteilhändler, die sich um dieses Modell kümmern? Wenn das so ist und auch Zeitschriften auf das Modell aufmerksam werden, steigt ein Wagen schnell vom Gebrauchtwagen zum Klassiker auf.
  4. Ein Klassiker braucht auch das passende Drum-Herum. Meistens identifizieren sich Fans nicht nur mit ihrem Modell, sondern auch mit dessen Herkunftsland. Rover-Piloten kleiden sich wie Lord Fitzgibbons, am Chevy klebt eine Südstaatenflagge, aus dem Radio der DS dudelt „La vie en Rose“ von Édith Piaf und der Fahrer des BMW 635 CSI fordert freie Fahrt für freie Bürger. Die große Entfernung und die immense Kultur- und Sprachbarriere sind wohl auch die Hauptgründe, warum japanische Autos den Sprung zum Klassiker bei uns nicht schaffen.

Seid Ihr einverstanden mit diesen vier Punkten? Oder gibt´s noch ASpekte dieses Themas, die ich außer Acht gelassen habe?

Fragen über Fragen… Wird Zeit, dass der Frühling ins Land zieht. Denn im Winter gibt´s einfach zu viele Gelegenheiten, um über philosophische Hobby-Fragen zu grübeln. 😉

Lukas

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Über Lukas

Ein Steirer, der gern lenkt und dabei denkt.
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3 Antworten zu Was ist eigentlich ein „Klassisches Automobil“?

  1. Rainer Adam schreibt:

    Hey Lukas. Vielen lieben dank für deinen wieder mal großartigen Artikel. Ich stimme mit dir in allem geschriebenen überein, meine aber dass da noch mehr ist. Man muß sich nur die Menschen ansehen die gerade die Autos hegen und pflegen die EIGENTLICH keine Klassiker im eigentlich sinn sind (japanische Fahrzeuge z.B in den meisten Fällen)

    Man muß einmal klar sagen wie man Klassiker definiert, das hast du schon sehr treffend um- und be-schrieben. Ist ein Klassiker ein historisches KFZ gemäß der Gesetzeslage (mindestens 30 Jahre alt) oder braucht es „mehr“ für einen „echten“ Klassiker. Für mich persönlich ist der Begriff des „Klassikers“ leicht negativ berührt, frei nach dem Motto „nur alte Autos über 30 Jahren für die viele Menschen bereit sind (zu-)viel zu bezahlen sind Klassiker“.

    Für mich ist der Begriff „Oldtimer“ da wesentlich freundlicher da ich einen Toyota Corolla der mindestens 30 Jahre alt ist immer als solchen Bezeichnen kann, aber nur mit Runzeln auf der Stirn der meisten anderen „darf“ ich dazu Klassiker sagen. Natürlich wenn man ihn als „Japan Klassiker“ tituliert ist es wieder okay, scheinbar wollen die Besitzer der „echten“ Klassiker hier eine eindeutige Abgrenzung, aber wo kommt sie her? Wer definiert das? Also hängen sich alle der Einfachheit halber einfach am Finanziellen dran und sagen hey geil für dieses 911er Sondermodell bekomme ich 900.000 Euro wenn ich ihn verkaufen möchte und da ich will (Achtung, böse Unterstellung folgt) schreib ich einfach hin „Traumhafter Klassiker zu verkaufen, sie wollten sowas doch schon immer haben, aber jetzt kann ich was daran verdienen und verkauf ihn teuer“. Klassiker ist also eigentlich ein Attribut das ich einem Auto vorsetze und das es wertvoller machen soll und auch macht.

    Viele Menschen die einen Japanischen Oldtimer besitzen, die ich gefragt habe, wollen ihr Fahrzeug doch gar nie verkaufen, also warum soll sich jemand der gerne „Klassiker“ günstig kaufen und teuer verkaufen will mit „sojemandem“ überhaupt unterhalten? Der will mir sein „ding“ ja sowieso nicht verkaufen und eigentlich verstehe ich (der Klassiker Einkäufer) diesen komischen kauz auch gar, was findet der bloss an diesem komischen Toyota/Mazda/Daihatsu/Nissan/Datsun what ever? DIESE Menschen freuen sich dass sie genau dieses Auto, genau dieses Modell haben. Es sind für die meisten Zeitmaschinen, reinsetzen und sich wieder fühlen wie man als Kind hinten drinnen saß in der „guten alten Zeit“ sich einfach freuen wenn man die kleine Nähmaschine da vorne unter der Motorhaube einfach nur hört und riecht. Sich einfach daran erfreuen was man hat, das kann man nicht verkaufen, warum auch, ICH liebe es ja.

    Apropos geruch. WARUM hat sich meiner Meinung nach noch niemand mit dem Thema Geruch eines Oldtimers beschäftigt? Du kannst einen Engländer ganz leicht von einem Deutschen oder Amerikanischen Auto unterscheiden, nur mit der Nase, ohne sehen ohne fühlen, einfach nur durch den Duft der verwendeten Materialien. Probiert es mal aus, haltet eure Nasen in einen alten Renault und dann in einen alten MG rein. Auch mein Charade G10 hat einen ganz eigenen Geruch, der ging auch nicht raus als ich die Innenausstattung getauscht habe, ich erkenne unseren Oldie (auch) mit der Nase.

  2. Bodo Engemann schreibt:

    Klassiker kann man in meinen Augen in drei Kategorien unterteilen…
    Kategorie eins sind die oben beschriebenen Sport- und Luxuswagen. Schon zu ihrer Zeit in nur geringen Stückzahlen produziert, versuchen heute viele sich den Luxus zu gönnen, der ihnen damals nicht zugänglich war.
    Kategorie zwei sind Fahrzeuge, die technisch ihrer Zeit voraus oder aber besonders innovativ waren. Dazu zählen für mich Fahrzeuge wie der NSU Ro80, aber auch Japaner wie der Mitsubishi Galant Dynamic 4 mit Allradantrieb und -lenkung, ein Renault 16 mit unterschiedlichen Achsständen usw. Fahrzeuge, die nicht unbedingt jedem geläufig sind, aber technische Leckerbissen darstellen.
    Kategorie 3 schließlich die „Brot und Butter Autos“. Käfer, Kadett, NSU Prinz, aber auch jetzt nachrückend viele Franzosen und Japaner der 80er. Mazda 323, Toyota Tercel, Mitsubishi Lancer etc.
    Interessanterweise sind gerade in der Kategorie 3 sehr viele Fahrzeuge, über welche die „ernsthaften“ Kenner häufig die Nase rümpfen, owohl manche nur noch im einstelligen Bereich laut KBA vorhanden sind. Ein viertüriger Suzuki FJ von 79 ist einmalig, ein Mitsubishi Galant Kombi von 1980 oder ein Nissan Sunny Traveller von 1981 seltener als eine blaue Mauritius.

  3. Pingback: Oldtimermesse Tulln 2017 – -Warum eigentlich? | The way of drive…

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