„Klassiker der Zukunft“ – das leidige Dauerthema

Es gibt Situationen, da muss sich auch ein Autofreak einmal so richtig ärgern. Über seinen fahrbaren Untersatz oder über andere Verkehrsteilnehmer etwa. In diesem Fall ärgert sich der Autosammler und Youngtimer-Enthusiast Roman G. über eine, wie er es nennt, Seuche, die unsere Autos schon lange befallen hat.

Bitte Roman, klär uns auf:

„Achtung: Eine schlimme Seuche befällt zukünftige Klassiker!

Bin gerade über einen Artikel einer wöchentlichen deutschen Autozeitung gestolpert. Dabei ging es um Klassiker von Morgen. Also Autos von heute, die in 30 Jahren zum gefragten Oldtimer werden könnten. Dabei ist mir etwas aufgefallen, was den Redakteuren anscheinend entgangen ist: Eine schlimme Seuche befällt unsere zukünftigen Klassiker!

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Seuche alle dahinraffen wird! Wie komme ich darauf werden sie sich fragen? In diesem Artikel stand ja nichts dergleichen. Nun, ich
habe einen begründeten Verdacht, eigentlich mehrere davon. Hier ein kleiner Auszug (in nicht unbedingt zwingender Reihenfolge):

Verdachtsgrund # 1: Sämtliche in diesem Artikel angeführten „Zukunftsklassiker“ erwecken den Anschein, dass die zuständigen Redakteure den Auftrag bekamen, sich willkürlich irgendeinen Wagen aus der momentan eher blassen Modellwelt verschiedenster Hersteller rauszupicken und einer fragwürdigen Punktebewertung zu unterziehen.

Verdachtsgrund # 2: Seit wann sind eine Handvoll Leute im Stande, orakelgleiche Vorhersagen zu treffen? Zumindest was die automobile Zukunft betrifft. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Irgendjemand der hochgeschätzten Journaille vor 35/45 Jahren vorhersagen konnte, dass es sich beispielsweise auszahlt, einen 08/15 Ford Escort Mk 1 (aka: der „Hundeknochen“) königlich zu behandeln. Immerhin hatte dieser Racer für Arme, wahnwitzige 40 PS aus 1,1 Liter Hubraum! 

Wer bitteschön, hätte damals so viel Phantasie aufbringen können um die Vorhersage zu treffen, dass genau dieser Wagen, heute und hier mit ca. 10.000,- Euro gehandelt
wird? Seinen damaligen Neupreis (ca. 80.000,- Schilling) hat er schon bei weitem übertroffen!

Übersetzt in die Jetzt-Zeit würde das bedeuten, dass ein Sterbenslangweiliger Ford Focus Trend 1.6 Ti-Vct (mit 85 PS) in 30 Jahren ein gefragter Oldtimer sein wird…!

Verdachtsgrund # 3: Die Ersatzteilversorgung. Heutige Autos sind viel komplexer und komplizierter geworden. Man braucht sich nur vor Augen führen, aus wie vielen Teilen ein Auto von damals im Vergleich zu heutigen besteht. Und da gehe ich jetzt nicht ins Detail und zähle ein Steuergerät als 1 Ganzes, was genaugenommen auch aus Hunderten Teilen zusammengebaut ist.
Nehmen wir daher als Beispiel ein ganz simples Bauteil heutiger KFZ: Ein Raddrehzahlsensor. Ein Wegwerfteil. Quasi irreparabel! Dessen Hauptzuständigkeit für ABS und ESP wahrgenommen wird. Wer garantiert mir, dass für meinen zukünftigen Klassiker in 30/40 Jahren noch genau das Teil gebaut wird, dass in mein „Garagengold“ rein gehört?

Die Ersatzteillager müssten riesig werden! Das tut sich keiner an. Nicht wenn er betriebswirtschaftlich denkt.

Verdachtsgrund # 4: Aus meiner Sicht der wichtigste Grund! Die Wurzel allen Übels. Meine diagnostizierte, zukünftige Seuche – Nämlich: Die heutzutage, ach so wichtige Elektronik in den KFZ. Selbst LKW´s befällt diese Seuche schon seit geraumer Zeit und holt zum Rundumschlag aus: Auch Motorräder werden befallen. Selbst in der Landwirtschaft wurde sie schon diagnostiziert – kein Traktor kann auch nur mehr einen Meter ohne sie zurücklegen. Ich denke, dass könnte wirklich zu einem großen Problem werden in Zukunft. Zur genaueren Analyse möchte ich ein wenig ausholen:

Jeder, der schon mal einen Oldtimer (auch manche Youngtimer) gefahren hat, weiß von dem einfachen, ungefiltertem Fahrerlebnis zu berichten. Ein weiterer Vorzug: jeder halbwegs technikbegabte Autofreak, kann den Großteil der anfallenden Reparaturen in Eigenregie mit mittelmäßigem Werkzeugutensil selbst durchführen, ohne das gleich die große Verzweiflung über einen hereinbricht. Spezialisten waren nur für Vergaser oder mechanische Einspritzanlagen von Nöten. Selbst die Elektrik war, ob der Einfachheit, von jedem zu meistern der den Unterschied zwischen Volt und Ampere kannte.

Ein moderner Motorraum

Des Weiteren gehört es heute zum guten Ton, jegliche Störeinflüsse außerhalb des Fahrzeugkäfigs tunlichst auch dort zu lassen. Bitte jetzt nicht falsch verstehen. Ich mag auch wenn im Innenraum Wind- und Abrollgeräusche auf ein Minimum reduziert werden. Nicht mag ich jedoch, wenn ich in der (synthetischen) Lenkung nichts mehr vom Straßenbelag zu spüren bekomme: Ist es nass oder doch schon eisig? Bis auf Porsche – und selbst da sind sich Experten uneinig – bekommt keiner eine vernünftig geführte e-Lenkung hin. Und wehe, Sie verwehrt dir eines Tages ihre Unterstützung! Nicht
nur, dass sich dein Vehikel ausschließlich mit gut trainierter Unterarmmuskulatur lenken lässt. Nein, sie ist auch elendig teuer und lässt bei manch einem ein ganzes Monatsgehalt voley zur Werkstatt rüber spielen, ohne das es auch nur den Boden berührt. Sie kann auch nur von einer Fachwerkstätte eingebaut werden! Warum? Weil die Software, die für das anlernen(!) des neuen Bauteils notwendig ist, erst vom Importeur für die ausführende Fachwerkstatt freigeschaltet werden muss!

Also, selbst wenn man die Begabung hat und sich so ein Teil selbst ins Auto reinzimmert, kann man es danach nicht standesgemäß bewegen, weil es sich buchstäblich nicht lenken lässt! Dann haben wir schon das nächste Problem: So eine Software kann ich ja nicht irgendwie ins Auto legen wie z.B. eine Jacke auf die Rückbank. Die vornehme Software braucht natürlich einen bestimmten Platz. Sonst ist sie beleidigt, die Zicke. Und der befindet sich auf, oder besser gesagt, in  einem Steuergerät. Steuergerät? Heißt das so weil ich dann damit mein Auto steuern kann? Mitnichten! Ein Steuergerät (von denen es im modernen Auto zwischen 30 und über 100(!!!), je nach Ausstattung und Fahrzeugklasse, gibt) ist meist eine blecherne, flache Dose mit einer aufwendigen Elektronik darin. Von der Größe und Form unterschiedlich, ist es überall im Auto verteilt. Also vom
Motor- bis zum Kofferraum findet man überall eines. 

Jetzt geht’s Schlag auf Schlag: Es steht das nächste Problem an! Kann man das defekte Steuergerät reparieren, oder muss man es austauschen? Bei einem aktuell produziertem Automodell kann man hierbei noch zwischen Pest und Cholera wählen. Was aber, in 30 Jahren? Wenn ich nicht mal mehr diese Wahlmöglichkeit habe? Denn: Die Elektronik ist schlimmer als eine sprichwörtliche Diva. Hat sie zu viel Aufmerksamkeit ist es nicht gut für sie. Ebenso auch das Gegenteil! Also legt man z.B. ein Motorsteuergerät für mögliche Eventualitäten 30/40 Jahre beiseite, kann es unter Umständen sein, dass der Motor, nach dem einsetzen der neuen Diva, sich nach wie vor weigert seiner widmungsgemäßen Bestimmung nachzugehen. Übeltäter sind oft defekte Bauteile die nur wenige
Cent kosten. Das Problem dabei: Es muss jemanden geben, der technisch und fachlich so viel auf dem Kasten hat, das er den Fehler analysieren und ihn auch beseitigen bzw. reparieren kann.

Und schon geht´s weiter. Damit man dem Steuergerät bei der Arbeit zusehen kann, bedarf es an geeignetem Mess- und Simulierinstrumentarium. Das kostet Geld. Dabei stellt sich auch die Frage, ob der Hersteller sich dabei in die Karten schauen lässt und die Schaltpläne mitsamt den verschiedenen Messparametern weiter- bzw. freigibt. Und bei der unüberschaubaren Anzahl der verschiedensten Steuergeräte ist es fraglich, ob es möglich ist, wirklich alle Analysieren zu können.

Das muss man sich mal vorstellen: Für jede Motorvariante eines Modells existiert ein Steuergerät. Nein, stimmt nicht. Es ist schlimmer. Es sind mehrere! Oft abhängig vom Baujahr und bei Facelifts. Dann hat jeder Hersteller eine mehr oder weniger große Modellpalette. Und bei etwa 140 Herstellern (wenn ich mich nicht verzählt habe) von A wie Acura bis Z wie Zenvo, multipliziert mit deren Modellpalette, kommt da
schon einiges zusammen. Falls jemand nachrechnen will. Und wir sprechen noch immer nur vom Motorsteuergerät! Also eines von vielen im Auto!

Wie schon erwähnt, kann ich mir nicht vorstellen dass es jemals eine Firma geben wird, die alle Steuergeräte von allen Herstellern reparieren kann. Wenn schon, dann werden sich wenige auf die größten Hersteller spezialisieren. Schließlich ist ein riesiger Aufwand notwendig und es soll sich ja auch rechnen das Ganze.

Es kann gut möglich sein, dass in Zukunft wirklich nur mehr Mainstream-Modelle wie ein VW Golf als Alltagsklassiker in Frage kommen. Dann wird die Zukunft so, wie es Hollywood gerne darstellt. Nämlich sehr düster.

Roman

Ui, da zerbricht sich jemand regelrecht den Kopf. Was meint die werte Leserschaft? Macht es Sinn, sich jetzt schon darüber Sorgen zu machen, was in 30 Jahren sein wird? Oder ist es vielleicht besser, die Gegenwart in unseren Youngtimern voll auszukosten, solange es Spaß macht?

Lasst hören!

L

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Über Lukas

Ein Steirer, der gern lenkt und dabei denkt.
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4 Antworten zu „Klassiker der Zukunft“ – das leidige Dauerthema

  1. Kai schreibt:

    Der Elektronik-Tod wird keine 30 Jahre dauern. Es fing um 2000 schon an, dass die Fahrzeuge auch außerhalb der Oberklasse CAN-Bus-Netzwerke erhalten haben. Dann reicht oft nicht nur ein Spezialist für das jeweilige Steuergerät, sondern auch ein Netzwerkprofi, der dann die verdrillte Leitung mit Grünspan unter dem rechten Teppich findet.

    Mit den immer aufwändiger werdenden Steuergeräten ist es auch als findiger Bastler teilweise nicht mehr möglich, überhaupt etwas heraus zu finden. Die erwähnte Software ist nicht zu bekommen und ein eventueller Hardwarefehler lässt sich dank 4-10lagiger Leiterplatte (im Gegensatz zu den konventionellen 2 Lagen) auch nicht einfach durch messen, da man gar nicht sieht, wo eine Leitung verläuft und ein Schaltplan sicher nicht herausgegeben wird.

    Einen Schritt weiter sind viele Steuergeräte hoch integriert in ihrer Applikation. Da sitzt dann an der elektrischen Lenkung direkt ein Steuergerät, welches zur Verbindung gebondet statt gelötet ist, dazu geclipt, verklebt und vergossen. Das macht die Reparatur fast unmöglich, und ist seit Jahren stand der Technik.

    Man braucht als normaler Fahrer also das ganze Lenkgetriebe, aber mit dem Endbuchstaben B und nicht K in der Teilenummer, weil dort die fest programmierte Codierung dann anders ist. B ist jedoch nicht mehr lieferbar, die Ersatzteilverfügbarkeit liegt bei 15 Jahren, das Auto muss also noch weitere 15 Jahre mit schwindender Verfügbarkeit überleben, bis es überhaupt Oldie werden kann. Und ein Lenkgetriebe, das nur beim 1.2 Liter TTFSi-Tiptronic-DSG mit elektrischer Sonnenblende passt, legt sich keiner weg. Billig sind die ja auch nicht 😉
    Dank verschlüsselter Steuergeräte lässt sich auch nicht eben eine andere Software aufspielen, wenn dem Steuergerät da nicht nicht nach ist…

    Könnte man endlos weiter spinnen 🙂
    Ich bin gespannt, was da kommt, aber es werden wohl viele weitere rostfreie Autos gepresst werden, weil sie einfach nicht mehr reparabel sind… Beim Orakel spielen sollte man vielleicht die Anzahl vorhandener Steuergeräte berücksichtigen.

  2. CodeParc schreibt:

    Zwar interessieren mich Autos im großen und ganzen herzlich wenig, jedoch als „elektronisches System“ betrachtet sehe ich den Horizont nicht ganz so düster. Um es kurz zu machen, das Zauberwort lautet „Reverse Engineering“, jede Steuereinheit kann auch als die sprichwörtliche „Black Box“ auf logisches Verhalten analysiert werden und zwar bis ins kleinste Detail. Man muß nicht wissen WIE sie es macht, es genügt zu wissen WAS sie macht!

    Es wird viele Werkstätten und Tuning-Spezialisten geben, die diese Dinger entweder komplett ersetzen oder zumindest umfassend modifizieren, für Software und elektronische Hardware gibt es immer eine Lösung. Sei es ein Ersatztyp, eine modifizierte Einheit aus einem verwandtem Fahrzeugtyp, oder ein kompletter Umbausatz, der die entstandenen Kompatibilitätsprobleme allesamt umgeht, es ist immer mit begrenztem Aufwand machbar.

    Autos sind keine Wundertüten, auch nicht wenn sie noch so komplex aufgebaut wurden, sie geben am Ende immer ihre so toll gehüteten Geheimnisse preis (siehe VW-Abgasskandal)!

    PS.: Wenn es Labors gibt, die es schaffen ein Molekül aus der freien Natur 1:1 kostengünstig nachzubauen, warum sollten dann ausgerechnet Automobile zu einem unlösbaren Mirakel werden?! Darüber sollten einige Skeptiker mal ernsthaft nachdenken.

  3. Sebastian schreibt:

    Es ist ja nicht mit der Fahrzeugelektronik allein getan. Nach dem Einbau des neuen Steuergerätes muss dieses codiert und die betreffenden Aktoren neu angelernt werden. Womit macht man das? Mit einer entsprechenden Diagnosesoftware. Ob die dann in 30 Jahren mit der dann aktuellen Computerumgebung noch läuft?
    Alte Fahrzeuge werden wohl zum abgeschlossenen Sammelgebiet.

  4. Pingback: Hightech-Monster ohne Zukunft? | The way of drive…

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