Rollende Individualität

Das Himmel ist grau, die Wiesen sind braun und unsere Laune ist mindestens so trüb wie die Wetteraussichten. An neblichen Tagen soll Bewegung an der frischen Luft gegen genauso vernebelte Gedanken helfen, sagen Gesundheits-Gurus.

Aber Achtung! Bei Autofreaks kann das Verlassen der eigenen vier Wände schnell depressive Verstimmungen auslösen.

Laut Österreichs bekanntestem Facharzt für Automobilologie liegt das primär am ausgesprochen trostlosen Straßenbild in Österreich. „Man muss sich nur vor Augen führen“, erklärt der Experte Dr. Acula, „dass der VW-Konzern mit seinen vier Volumenmarken bei uns allein im Jahr 2017 einen Marktanteil von 33,4% hat. Da ist es kein Wunder, dass zahlreichen Autofreaks die Füße einschlafen, wenn sie mit offenen Augen durch die Straßen marschieren. Und wenn diese relativ ähnlich aussehenden Baukasten-Produkte auch noch in Schwarz, Grau, Silber und Weiß lackiert sind, reicht selbst sonniges Wetter nicht mehr, um das Gemüt nachhaltig aufzuhellen.“

Doch was tun? Der Experte Dr. Acula kennt nur ein wirksames Gegenmittel gegen automobile Langeweile und trostlose Straßenbilder. „Jeder von uns sollte sich bemühen, einen kleinen Teil dazu beizutragen, unsere Straßen spannender zu machen. Das ist im Winter, wenn all die Liebhaber-Autos und die Young- und Oldtimer auf salzfreie Straßen warten, besonders wichtig“, so der prominente Automobilologe. Doch er stellt auch klar: „Das soll aber bitte nicht als Aufforderung verstanden werden, sein altes Blech das ganze Jahr über zu bewegen. Jeder, der schon einmal die verheerende Wirkung der heimischen Streusalzmischung gesehen hat, weiß, dass das keine gute Idee ist!“

Aber es muss doch auch eine Möglichkeit geben, das Thema „Junges Alltagsauto“ fernab des schwarzen Audi A6 Avant und des silbernen Tiguan etwas kreativer zu bespielen. Wer durch die „besseren“ Vierteln Wiens oder durch den schönen Osten von Graz wandert, sieht, dass es sehr wohl geht. Man muss nur wollen:

Gut so, Herr Doktor?

„So ein Blödsinn, Wieringer! Das sich zwar Lichtblicke im Straßenbild, aber Sie dürfen eines nicht vergessen: Der Bewohner von Attnang-Puchheim, von Bruck an der Mur oder von Bischofshofen nutzt sein Auto ganz anders als die meisten Wiener oder Grazer. Im Cottage-Viertel in Wien-Währing kann ich leicht einen 20 Jahre alten Jaguar als Alltagskiste fahren. Denn zur Arbeit geht´s mit der U-Bahn eh viel schneller und eingekauft wird zu Fuß. Aber im Gegensatz zu Ihnen fährt der Kapfenberger/Lienzer/Saalfeldner damit jeden Tag zur Arbeit, zum Einkaufen, zur Freundin. Und das häufig unter schwierigeren klimatischen Bedingungen und über längere Strecken als der Währinger, der gelegentlich in den ersten Bezirk gurkt.“

Da hat er recht, der Herr Doktor. Und natürlich auch nicht zu vergessen: Wer in der Provinz ein Auto sucht, wird schnell merken, dass das Angebot genauso eintönig ist wie das Straßenbild. Je weiter weg man von Wien und Graz kommt, umso silberner und dieselnder werden die Gebrauchten. Der rote Cadillac CTS oder der goldene Nissan Cube sind in Mödling einfach leichter an den Mann zu bringen als in Bad Mitterndorf.

Wer einfach nur ein Auto braucht, kauft dann halt eine der grauen Diesel-Kisten, weil es sie beim Händler im Nachbarort gibt. Und schüttelt den Kopf über den Autofreak, der für seine neue Alltagskiste von Eisenstadt aus quer durchs ganze Land fährt, weil es halt nur in Bregenz genau so eine Farbkombi gab.

Und noch ein Faktum bestimmt das automobile Leben am Land. Der VW-Konzern hat es mit gekonntem Marketing geschafft, sich in den Köpfen der Landbevölkerung fest zu verankern. Die Mutti braucht ein neues Auto? Wir schauen uns mal den Polo an. Der Bub bekommt ein Auto zur Matura? Kaufen wir ihm einen Audi A3. Wir brauchen ein ´scheites Familienauto? Da gibt´s sicher was von Skoda. Volkswagen – Das Auto. Hinzu kommt der Gruppenzwang in der eigenen Peer-Group, der in ländlichen Regionen gerade beim Thema Auto viel ausgeprägter ist als in Großstädten. Und der Gruppenzwang sagt: Audi ist das Geilste, aber eigentlich ist alles von VAG top.

Sich da bewusst abzuheben, braucht Mut und Rückgrad. Aber es hilft. Uns allen. Macht es doch unser trostloses Provinz-Straßenbild ein wenig bunter.

Lukas

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Über Lukas

Ein Steirer, der gern lenkt und dabei denkt.
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2 Antworten zu Rollende Individualität

  1. Roman schreibt:

    Applaus, einfach nur Applaus !! Dein blog ist immer wieder – Trommelwirbel – fantastisch auf den Punkt formuliert!
    P.S.: ist ein guacamole-grüner 2005er Panda 4×4 non-konform genug 😉
    Yours, Roman

  2. Rayman schreibt:

    Diesem Beitrag gibt es nichts hinzuzufügen. Genau das predige ich auch immer und es ist wunderbar, Gleichgesinnte zu finden, die genauso empfinden. So lässt sich die Langeweile, der Einheitsbrei und die Einfältigkeit des automobilen Alltags besser ertragen.

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