Vergessene Briten – Raritäten von der Insel

Britische Autos. Nicht gerade mein primäres Interessensgebiet. Aus diesem Grund dürft ihr euch umso mehr auf einen Gastartikel eines Kenners der britischen Autoindustrie freuen. Vorhang auf, Christian!

Healey, Morgan, E-Type, die TR-Reihe von Triumph oder MG. Jeder Autofreak kennt diese Namen. Weil Legendär und populär. Weil hundert Mal gesehen. Weil Kultstatus. Bei Oldtimer-Messen und Rallyes kann man sich der großen Anzahl dieser Modelle oft gar nicht erwehren.

Es gibt auch die andere Seite des angelsächsischen Automobilbaus: Die vergessenen Briten. Das waren meist grundvernünftige Autos. Sie wurden in großen Stückzahlen gebaut und auch gut verkauft. Natürlich mehr auf der Insel als bei uns auf dem Kontinent. Weil ein bisserl „britisch schrullig“. Und die Deutschen, Franzosen und Italiener in den 1970er Jahren den Markt in Österreich noch dominierten.

Dennoch: Es gab sie. Man sah sie auf unseren Straßen. Der eine oder andere wird sich an sie noch erinnern können. Etwa, weil der Nachbar, der Lehrer oder der Onkel so einen hatte. Aber sonst? Sie sind halt nicht so aufgefallen wie die brüllenden Roadster und die eleganten Nobelhobel von der Insel.

Deshalb sind sie heute absolute Exoten und relativ unbekannt. Weil sie keine Liebhaber fanden, die sie nach ihrem Alltagseinsatz über die Jahre hinweg hätschelten und zum Klassiker reifen ließen, wie das mit den Roadstern, Coupes und feinen Limousinen passiert ist. Sie wurden nach dem Gebrauch einfach entsorgt. Sie sind so gut wie ausgestorben. Es gibt kaum mehr überlebende der Automobilgattung „grundvernünftiger Brite“ bei uns. Und daher sind sie auch unserem Gedächtnis entrückt.

Vier Beispiele für vergessene, britische Autos aus den 1970ern, damit die Erinnerung wiederkommt:

Sunbeam 1300 und 1500

Eine Kindheitserinnerung: Beim jährlichen Jugoslawien-Urlaub fuhr eine befreundete Familie damit: Vater, Mutter, zwei Kinder, der Kofferraum voll und eine Dachgalerie montiert. Der Sunbeam war Mittelklasselimousine mit solider Technik. Rost bereitete dem Wagen der befreundeten Familie nach vielen Sommern ein Ende.

Sunbeam zählte zu den Automobilpionieren auf der Insel. Ein letztes Highlight in den 1960er Jahren war der Tiger mit gewaltigem Ford-V8-Motor. Am Ende blieb nur der Name übrig. Die Autos von Chrysler-Großbritannien wurden auf der Insel unter dem Namen Hillman verkauft. Brav in der Modellreihe waren die Versionen mit 50 und 70 PS. Der Avenger mit 82 PS war die Rakete im Programm: ein Sporting Saloon – wie die Briten so schön sagen.

Austin Allegro

In den 1970ern die kompakte Mittelklasse von British Leyland (BL). Heute ist jeder Kleinwagen großer als der Allegro. Frontmotor, zwei oder vier Türen, Schrägheck (keine Heckklappe!) oder als Kombi mit drei Türen. Er hatte die selbe Hydragas-Federung wie der Mini. Die Motoren mit 1,3 und 1,5 Litern Hubraum leisteten von 50 bis 75 PS.

Übersetzt aus dem Italienischen heißt Allegro fröhlich, unbekümmert, lustig, lebhaft und auch beschwipst. Auf das ovale „Quartic“-Lenkrad war man bei British Leyland ganz besonders stolz: „Spielend einsteigen, besser auf die Instrumente sehen, kinderleicht Parken dank besseren Lenkangriffspunkt“, tobten die Werbetexter von BL in den Prospekten herum. In Österreich machte sogar Dr. Gunther Phillipp (Schauspieler und Rennfahrer) für den Wagen Werbung.

Trotzdem war der Allegro kein Verkaufserfolg. Und ovale Lenkräder in Pkw haben sich auch nicht durchgesetzt.

Vauxhall Cavalier

Boäh! Vorne Manta – hinten Ascona. Das GM-Derivat von der Insel vereinte das Design des B-Manta und des Ascona B. Der Vauxhall mit seiner simplen Technik, die auch in den Opel-Modellen zu haben war, wurde von General Motors Österreich vertrieben. Der Wagen hätte mit seinen vier Türen in der Phase des grausamen B-Manta-Tunings bei Opel-Fan-Familienvätern eine Renaissance erleben müssen: weil vorne wild und hinten brav.

Auch Vauxhall ist eine englische Traditionsmarke, die schon 1928 von GM übernommen wurde. Seit Beginn der 70er Jahren teilten sich Opel und Vauxhall die gleichen Plattformen und Motoren. Im Cavalier wurden 4-Zylinder Maschinen mit 1,3 Liter und 1,6 sowie 1,9 Liter verbaut.

Austin Princess

British Leyland wollte nach dem veralteten Austin Maxi mit der Princess neu durchstarten. Der Wagen war für die 1970er Jahre sehr gut ausgestattet und zählte zur gehobenen Mittelklasse. In England wurde er zunächst unter dem Namen der Nobelmarke Wolseley angeboten. Das Styling stammte vom selben Designer, der auch für den Triumph TR 7 verantwortlich war. Das war vielleicht kein gutes Omen. 😉 Die Maschinen mit 4- und 6-Zylinder hatten von 82 bis 110 PS.

„War gar kein so ein schlechtes Auto – überhaupt mit dem 6-Zylinder Motor“, meinte mein Mechaniker, der schon ewig an Engländern herumschraubt. Warum gibt es dann heute keine mehr? Auf der Internet-Plattform autoscout24 sind in Kontinentaleuropa gerade mal drei Stück inseriert. Die Prinzessin ist so gut wie ausgestorben. Wenn jemand weiß, wo eine zum Verkauf steht, bitte melden! Denn ich möchte einen haben!!! (E-Mail an christianfrasz@hotmail.com)

Die Preise (immer in der Basisausstattung) im Jahr 1978:

Chrysler-Sunbeam: 72.090 ATS; Austin Allegro: 76.600 ATS; Vauxhall Cavalier: 85.630 ATS; Austin Princess: 114.200 ATS Zum Vergleich: Ein VW Käfer 1200 kostete damals 59.100 ATS.

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Über Lukas

Ein Steirer, der gern lenkt und dabei denkt.
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Eine Antwort zu Vergessene Briten – Raritäten von der Insel

  1. Einen Sunbeam hatte mein Onkel in silber mit schwarzem Vinyldach, der ist mir noch düster in Erinnerung. Eines Schulkollegen Eltern fuhren einen Allegro, der gut zu ihnen passte da sie selbst auch schrullig waren.

    Mein Fund vor geraumer Zeit würde dieses Quartett gut ergänzen: Vauxhall VX4/90: http://www.alltagsklassiker.at/vauxhall-vx-490-2300/

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